In einem Land zu verspäteter Zeit

Grelles Licht weckt mich auf. „Na, sie haben wohl verschlafen!“ – ich weiß nicht, ob ich noch träume oder schon wach bin, als ich aus meinem Bussitz aufschaue und in das Gesicht von Barack Obama blicke. Er sagt:„Nur ein Spaß, ich trag die Maske immer am Ende der Fahrschicht um die Besoffenen rauszukehren. Ein Brüller immer, praktisch, so eine 50Cent-Maske.“ Bevor ich ihn auf seine fehlende, weltgeschichtliche Bildung hinweisen oder ihm Props für sein Gangster-Rap-Streetknowledge geben kann, werde ich höflich aus dem Bus heraus komplimentiert – indem ich bis zum Verlassen mit dem Fahrkartenentwerter ins Ohr gekniffen werde. Als ich die letzte Stufe verpasse und aus dem Bus herausstürze ruft er mir hinter:“Yo Weißbrot, watch deinen Step, nicht jeder hat so krasse Beinarbeit und Dancemoves wie Fiddy!“, woraufhin er einen perfekten Headspin hinlegt.

Ich fühle mich verlassen, gepeinigt und gedemütigt. Selbst ein Busfahrer hat mehr Streetcredibilty als ich. Es bleibt allerdings keine Zeit, sich mit meiner fehlenden Straßenweisheit auseinander zu setzen, gilt es doch erst einmal souverän wie ein Rehkitz, das gerade mit ansehen musste, wie seine Eltern tragisch in einem Industriehechsler verendet sind, bei seinen ersten Schritten die Lage zu begutachten. Ich finde mich in einem alten Hangar wieder, von der Decke hängen karge Neonröhren, wie sie sonst nur verschmitzt in chinesischen Fabriken von oben herab lächeln, und überall stehen kreuz und quer alte Busse. Es ist wie ein Labyrinth, ein Labyrinth aus Altmetall und geplatzten Träumen. Aber ich erwähnte die Busse ja bereits. Ein güldenes Tor scheint in den Irrgarten hinein zu führen. In großen Lettern steht darüber „Keinem das Allen!“ geschrieben. Mit einem kräftigen Stoß drücke ich die Tür auf.

Gerade als ich den ersten Blick in das Labyrinth hineinzuwerfen vermag, galoppiert mir ein riesiges Pferd auf einem winzigen Jockey entgegen. Ich frage das Pferd, was das soll. Dann frage ich mich selbst, warum ich eigentlich als erstes das Pferd und nicht den Jockey frage, allerdings scheint dieser auch mit seiner Aufgabe ein gesamtes Pferd zu transportieren weitestgehend überlastet. Aber vielleicht hat er ja trotzdem etwas zu erzählen und ich werde es so nie erfahren. Und sowieso dauert das Schweigen jetzt schon viel zu lange. Das Pferd gibt seinem Reitjockey eine Karotte. „Da lang.“, sagt das Pferd und zeigt mit seinem Huf nach Links. Ich blicke verwirrt. „Na du willst doch sicher hier raus. Also da geht es lang.“ Ich beginne zu schielen. „Och, immer das selbe mit diesen Neulingen. Erst im Bus einpennen und dann ist dir das sprechende Pferd zu viel. Nun guck nicht als habe dir Jemand in die Sojamilch ejakuliert.“ Ich bedanke mich herzlich und ziehe, nachdem mir das Pferd glaubhaft versichert und auf Tupac den Erlöser schwört, dass es wirklich und 100%ig kein Einhorn sein möchte, in die gezeigte Richtung weiter. Sachen gibts. Entscheide mich dann doch um, lieber die andere Richtung einzuschlagen, schließlich hat sich das Pferd mit dem Widerspruch zum Einhornwunsch einfach unglaubwürdig gemacht. Das ist ja, als ob ich behaupten würde, ich wolle wirklich nicht durchtrainiert und athletisch oder einfach Robert Downey Jr. sein.

Gerade als ich so denke, erblicke ich einen muskulösen, attraktiven, leichtbekleideten jungen Mann. Er springt mir entgegen. „Hallo, ich bin Xilef, dein böses Ich!“ „Hallo.“, sage ich. „Hallo!“, sagt Xilef, verpasst mir einen Roundhousekick, klaut mir mein Portmonee und entflieht Flickflackschlagend in die Nacht. Verdammt, ich wusste ja, dass es irgendwo eine böse Version von mir geben musste, aber hätte sie nicht wenigstens auch diese innere Hässlichkeit nach Außen tragen können? Ich bin ein wenig verliebt in mich, stehe schließlich auf BadBoy-Typen. Als ich so weiter durch das Buslabyrinth irre, fällt mir plötzlich auf, dass ich mich bisher noch viel zu wenig über diese absonderliche Szenerie gewundert habe. Ich bleibe stehen und wundere mich sehr. Dann gehe ich weiter. Ein depressiver Zug blickt mich weinerlich an, als die Frau von der Durchsage verkündet, dass alle seine Menschen wieder eine Verspätung von ca. 10 Minuten haben und in falscher Wagenreihung einfahren werden. Das „Choo Chooo“ seines Triebwagens hallt mir noch einige Meter hinterher, als ich weiter durch die Busgassen schlendere. An einer Kreuzung biege ich nach links ab und sehe mich mit einem Straßenmusikerbattle konfrontiert: drei Chinesen mit drei Kontrabässen haben keinen Grund sich etwas zu erzählen, weil sie mördermäßig abrocken, während die Bremer Stadtmusikanten das machen, was Tiere so machen: Tierlaute, kacken und fressen. Ich fühle mich etwas wie beim letzten Herbstfest der Volksmusik, demnach beschleunige ich panisch meine Schritte.

Die Busfenster, an denen ich vorbeischlendere, sind mit Slogans wie „Kauft nicht bei Deutschen“ oder „Lothar Matthäus, ich liebe dich“ beschriftet. An der nächsten Biegung versucht ein Skinhead einen syrischen Flüchtling davon zu überzeugen, dass er ihn doch bitte noch mehr überfremden solle, er habe noch zu viel von seiner deutschen Identität in sich. Der Syrer lehnt jedoch ab und geht lieber wieder nach Hause. Allmählich beginne ich zu verstehen, es muss eine Art Gegenteilland sein. Was aber wiederum heißen würde, dass ich es nicht verstehe und es kein Gegenteilland ist. Oder wie funktioniert so was? Das ist ähnlich wie bei diesem Zeitreisenparadoxon, wo alles eigentlich schon passiert sein müsste aber eigentlich auch doch nicht, dann stirbt irgendjemand und Torben aus der Grundschule bekommt doch wieder meine große Liebe aus der Klasse 4c ab. Fick dich Torben. Wobei, Gegenteilland, hab dich lieb, Torben. Als ich aus meinen tiefschürfenden Gedanken wieder erwache, stolpere ich geradewegs in einen hell erleuchteten Raum. Teufelschöre grölen ein Musical von Hass, Schnaps und Tod, die Oper endet jedoch, bevor die fette Frau zu singen beginnt. An einem Flügel sitzt der Busfahrer als Beethoven verkleidet und spielt die ersten drei Töne von Beethovens fünfter – da da da. Dann hört er auf, dreht sich zu mir und schmeißt mir seinen Schuh an den Kopf. Das warme Licht umfängt mich wie eine Mutter, nur anders. Mir wird schwarz vor Augen. Grelles Licht weckt mich auf. „Na, sie haben wohl verschlafen!“ – ich weiß nicht, ob ich noch träume oder schon wach bin, als ich aus meinem Bussitz aufschaue und in das Gesicht von Barack Obama blicke. Scheiße, nicht schon wieder.

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