„Mama, du musst mich einschreiben“

Galt der Beginn des Studium verbunden mit der erreichten Volljährigkeit früher noch als Befreiungsschlag aus der elterlichen Fürsorge, so sieht die Realität an deutschen Universitäten mittlerweile etwas anders aus. Dank den Bemühungen der Gesellschaft, junge Menschen möglichst schnell auf den Arbeitsmarkt zu schwemmen, findet an Universitäten ein der deutschen Gesellschaft gegenläufiger demographischer Wandel statt. Schaut man sich in den letzten Jahren einmal die Warteschlangen der örtlichen Einschreibungsbüros an, so sieht man zwischen den üblichen Gesichtern immer häufiger treudoof Händchen haltend mit Mutti kleine Jungs mit Proppellermütze, gepaart mit genervtem Gestöhne vorpubertärer Mädels, denen es sichtlich unangenehm ist, dass ihr Vater neben ihnen in der Öffentlichkeit steht. Wo man nur hinschaut, überall stehen als Mahnmal der Pubertät Pickel so groß wie Gullideckel von der schmierigen Haut hervor. „Mama, du musst mich einschreiben!“ – ein Satz, der an deutschen Universitäten längst Realität ist. Es mag ja auf der einen Seite durchaus als positiv betrachtet werden, dass die neue Generation Mensch gerne früh und viel lernen möchte. Diese Unterwanderung durch Minderjährige im höheren Bildungszweig zieht jedoch unangenehme Konsequenzen nach sich. Klar, der ein oder andere Langzeit- oder Masterstudent mag sich freuen, dass ihm im Bus mittlerweile mit respektvoll leuchtenden Augen und einem unterwürfigen „Sie“ vom jungen Gemüse ein Sitzplatz offeriert wird, leider fühlt man sich während der gesamten Fahrt dann aber unangenehm an Schulausflüge erinnert. Nicht die gute Art Klassenfahrt, als man das Ende der Schulzeit zelebrieren konnte, nein, die Art Klassenfahrt, bei der sich irgendjemand wegen defekter Bustoilette in die Hose machte, überall Spucke-Papier-Komplexe durch Strohhalme abgefeuert wurden und ein unscheinbares Mädchen die gesamte Rückbank mit ihrem Mageninhalt unbenutzbar machte. Weitere Probleme in Sachen Fortbewegung zeigen sich bei der Kapazität der Fahrradständer, nehmen doch die Modelle der minderjährigen Studierenden gerne mal zwei oder gar drei Plätze in Beschlag – dank Stützrädern. Der Vorteil für den etwas wohlhabenderen Studenten: Die Parkplätze für Autos verlieren ihren Status als rares Gut.

Die Universität Düsseldorf hat auf die Jugendschwemme bereits reagiert und beispielsweise eine Campusführung extra für Minderjährige in Begleitung ihrer Eltern entworfen. Dann kann die jeweilige Erzeugergruppe sich auch einmal ein Bild davon machen, wo sich der Filius ab nun herum treibt und ob das denn wirklich ein guter Umgang ist. Da denkt man doch glatt wieder an damals, als man mit nervöser Blase und Scout-Tornister samt miefigem Leberwurstbrot das erste Mal die weiterführende Schule betreten hat. Die höheren Semester machen sich mittlerweile einen Spaß daraus und trinken auf dem Campus einen Schnaps bei jeder erblickten Einschulungstüte – ein Spiel, das schon einige mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Viel schlimmer als die Auswirkungen auf das soziale Miteinander und die Rahmenbedingungen ist aber die Veränderung der Arbeitsatmosphäre. Konstruktives Diskutieren und gemeinsame Forschungsarbeit wird immer schwieriger, wenn Dozenten eben neben dem Lehren auch permanent aufpassen müssen, ob sich niemand mit einer Bastelschere verletzt oder Kaugummis unter den Sitz klebt. Manche Universitäten sind mittlerweile sogar so weit, dass man spezielle Spielecken andenkt, in denen die kleinen Racker sich bei aufkommender Langeweile kurz austoben können. Über eine Stunde ruhig sitzen ist ja auch eine Sisyphos-Aufgabe, wenn man über die Aufmerksamkeitsspanne eines Kolibris verfügt. Aber so sind Teenager nun mal, es gibt immer einen Justin oder Mike oder sonstigen Boygroupsänger, der dann eben im Seminar auch mal wichtiger sein kann als Aristoteles, Adorno oder Goethe.

Man entwickelt sich nun mal unterschiedlich schnell und auch der geneigte Schreiber muss ehrlich sagen, dass er nur höchst ungern seinem siebzehnjährigen Abbild an der Universität begegnen möchte. Außer natürlich, um ihm das Milchgeld aus der mit Flicken verzierten Jeans zu ziehen. Wo die vorherrschenden Themen in Köpfen noch „das erste Mal“ sind und bei Promotion die erste Assoziation Dr. Sommer von der Bravo ist, da kann kein fruchtbares Lernumfeld entstehen. Erst recht nicht, wenn man bei allen administrativen Handlungen immer noch unter Muttis Fuchtel steht.

Mich findet ihr jedenfalls ab jetzt bei den älteren Semestern auf dem Campus mit einer Flasche Schnaps – freudig-johlend trinkend bei jedem Blinkeschuh, jedem Scoutranzen und jeder Schultüte. Und ein gesicherter Sitzplatz im Bus hat ja eigentlich auch was für sich.

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