„Quo vadis, Burger?“ – ein Abgesang in D-Moll

Wer 2016 noch erfolgreich die Augen verschlossen hielt, kann sich spätestens 2017 nicht mehr der Entwicklung entziehen: Selbst in den entlegensten Dörfern ist mittlerweile der Burger der neue heiße Scheiß. Burgerläden sprießen aus dem Boden, selbst bei Omma in der Küche erscheinen plötzlich bärtige Hipster um saftiges Fleisch zwischen die Brötchen zu packen. Das klang nun anders, als es klingen sollte, ist doch meine Omma keine Prostituierte, aber ihr wisst schon, was gemeint ist. Kaum eine Location ist zu langweilig, kein Wortspiel für den Namen zu albern und keine Kreation zu abgefahren. Eins ist klar: Burger ist Szene, Burger ist Cool – gewöhnt euch dran, ihr Frikadellenfans!

Bei meinem letzten Spaziergang durch die Stadt, die ich nur mache, damit ich Texte mit der Phrase „bei meinem letzten Spaziergang durch die Stadt“ einleiten kann und alles somit sehr realitätsnah wirkt, na jedenfalls, als ich da so durch die Stadt schlawinerte, da erschlug mich plötzlich die Erkenntnis: Der Burger hat uns still und heimlich unterwandert. Getarnt hinter fetzigen Namen wie „Einburgerung“, „Meatropolis“ oder „Grillin‘ me softly“ platzen sie in das friedliche Stadtbild hinein, um alles in Frittenfett zu tunken, das nicht bei drei auf den Bäumen ist. Selbst den Friseuren machen sie den hart umkämpften Rang der schlechtesten Betriebsnamen streitig, die Fleischfetischisten.

Dabei hatte doch alles einmal so friedlich angefangen: Als Frikadelle tauchte des Deutschen liebster Fleischklops, neben Rainer Calmund, Ende des 17. Jahrhunderts das erste Mal auf. Ein feiner deutscher Bub aus bestem Rinderhack, mit einem Kern aus Zwiebeln und alten Semmeln. Was wünscht man sich mehr? Doch bereits im 18. Jahrhundert offenbarten sich Probleme: Den wenigsten Historikern ist bekannt, dass die französische Revolution letztlich aus Unstimmigkeiten darüber hervorging, ob der Fleischklops nun Frikadelle, Papa oder Boulette, was ursprünglich Boule-Spieler bedeutete, heißen möge. Der Ausgang ist ja weitestgehend bekannt. Long story short – Ludwig XVI. bekam seine Boulette abgehackt (Hah!), die französische absolute Monarchie wurde gekippt und am Ende waren alle zufritten (Entschuldigung). Es wurde still um die Fleisch-Frisbees.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dem Hack wieder eine größere Bedeutung zu Teil. Die Etymologie um die Entstehung des Hamburgers ist bis heute verhältnismäßig schwammig, Fakt ist jedoch, dass 1904 bei der Weltaustellung St. Louis Hackfleischbrötchen unter dem Namen „Hamburg“ verkauft wurden. Ob die Namensgebung nun auf Besuche in Hamburg, den Bezug des Fleisches von besonderer Qualität über den Hamburger Hafen oder die Hackfressen der nordischen Bevölkerung zurück geht, soll an dieser Stelle eine untergeordnete Rolle spielen. Die Entstehung des Hamburgers ist und bleibt ähnlich nebulös wie die Zukunftsperspektive des Hamburger Sportvereins. Jedoch ist klar, dass der Hamburger von immenser Bedeutung für die Verdrängung der gewöhnlichen Frikadelle in unseren Breitengraden ist.

Nun, im 21. Jahrhundert, muss ich also an jeder Straßenecke diese Namen lesen. Diese ungezügelte Fleischeslust riechen. Frikadelle, was ist nur aus dir geworden? Du warst doch immer ehrlich, treu und in deiner Großartigkeit so dezent. Das ist nicht mehr die Frikadelle, mit der ich aufgewachsen bin und die ich lieben gelernt habe. Jetzt gießen sie literweise Saucen auf Sojabasis über deine Artgenossen und betten sie auf Rauke oder Chiasamen zur letzten Ruhe. Mehr Alchemist oder Biologe als Koch kreuzen sie Körner miteinander um vegetarische Duplikate zu erschaffen und paaren Fleisch mit Früchten um perverse Chimären zu zeugen, die der Schöpfung spotten. War die Frikadelle noch ein Geschenk Gottes, so ist der Neo-Burger ein großer gestreckter Mittelfinger Richtung Himmel. Die deutschen Tugenden sind längst abgeschüttelt, Burger sind international und somit automatisch vogelwild und unzivilisiert.

Der Gegenwind zur momentanen Entwicklung ist groß. Längst haben sich besorgte Burger (Hah!) zu einem Konglomerat zusammen geschlossen, der AFF – Alternative für Frikadellen! „Wir wollen die deutsche Frikadelle zurück haben!“, fordert ihr Pressesprecher. „Es kann ja nicht sein, dass die hier her kommen und unseren guten deutschen Metzgern ihre Tradition streitig machen. Sojasauce hat auf meinem Fleisch nichts verloren!“, wettert er weiter. Man wolle nun Protestaktionen starten, im Zuge derer diese Fleisch-Verschandler mit Tomi-Senftuben beworfen oder wahlweise selbst zu Hack verarbeitet werden sollen. Die Burgerköpfe sollten sich also unauffällig verhalten, die Burgerwehr ist schon unterwegs auf deutschen Straßen um die Faust für die Frikadelle hoch zu halten. Nicht ohne Grund ist ein Anagramm von Food Truck schließlich auch Doof Truck! Irgendwas muss das ja bedeuten.

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