Unerhört: Xavier Naidoo – Nicht Von Dieser Welt

Unerhört! In Zeiten der allgemeinen Tiefsinnigkeit wünsche ich mir die gute alte Oberflächlichkeit zurück. Es sollte wieder fair und anerkannt sein, Dingen von Außen einen Stempel aufzudrücken, ohne sich damit vorher befasst zu haben. Schließlich wurde ich früher im Schwimmbad auch immer ausgelacht. Deshalb bewerte ich künstlerische Werke nun ausschließlich nach dem Einband und nicht nach der Füllung. Bon Appetit.

Der Ausspruch „Die Geschichte wiederholt sich“ ist mittlerweile zu einem geflügelten Satzfragment geworden, das in allerlei Situationen angebracht wird, um tragische Geschehnisse in den Kontext einer historischen Entwicklung zu stellen. Oder wie wir Kunstkritiker geschmackvoll zu sagen pflegen: Gab es halt schon einmal, langweilt. Dennoch scheint es gerade in den letzten Jahren ein Trend unter Musikern geworden zu sein, dem eigenen Frühwerk kurz vor Besteigen der Totenbahre noch einmal einen Bastard von einem Geschwisterkind zu schenken. Wenn dann schon das Frühwerk nur mit fragwürdiger genetischer Zusammensetzung daher kam, dann gute Nacht. Doch kommen wir jetzt zu etwas, was mit der bisherigen Einleitung natürlich (Zwinker Zwinker) rein gar nichts zu tun hat: Xavier Naidoo schenkt seinen „Hörern“ ein neues Werk namens „Nicht von dieser Welt 2“. Damit fügt er also seinem Frühwerk, das gerade die Volljährigkeit erreicht hat, ein weiteres Kapitel hinzu. Der geneigte Rezensent schmeißt derweil seinen imaginären Partyhut in die Luft, wohl wissend, dass er das Werk nicht hören muss. Na dann mal ran an den Speck.

Irgendwie ist das Cover ziemlich nichtssagend. Weißer Hintergrund, simple Schriftzüge und ein Xavier, der treudoof in die Kamera glotzt. Doch halt, das ist nur die halbe Wahrheit, denn schräg durch das Gesicht des Protagonisten zieht sich ein Riss. Deshalb scheint er halb schwarz und halb weiß. Haha. Das ist Ästhetik, da war sicherlich ein cleverer Designer am Werk. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu dumm um das Cover zu verstehen und die tiefere Bedeutung zu interpretieren. Vielleicht ist es aber auch einfach reichlich geistlos. Das träfe es jedenfalls ganz gut, denn so in etwa stelle ich mir anhand der Tracklist das Album auch vor. „Ich bin durch Feuer und Asche gegangen/ ich habe nie gewankt und ihr habt mich gefangen/“ wird schätzungsweise das Album auf „Nicht von dieser Welt – die Rückkehr“ eröffnet. Wie war das noch? Don’t hate the player…

Die restliche Tracklist liest sich als Who-is-Who des Pseudotiefgangs. „Renaissance“, „Der Fels“, „Das Prinzip“ – intelligente und kluge Texttitel? „Das Lass‘ Ich Nicht Zu“! Spätestens, wenn Moses Pelham wieder entmumifiziert wird, um auf „Ich Will Leben“ einen schätzungsweise wahnsinnig unzeitgemäßen Rappart in seine Kauleiste zu nuscheln, ist der Tracktitel völlig ins Gegenteil gekehrt. Töte mich, sagt mein Gewissen. Bring mich „Dem Himmel Noch Näher“, denn ich bin mit meinem „Latein“ am Ende. Das angedrohte „Wiedersehen“ überhört man besser wohlwollend, wie man auch das „Hey, wir könnten ja mal wieder was unternehmen“ alter Freunde nur mit einem Nicken und dann trockener Ignoranz abtut. Und wenn du denkst, es geht nicht mehr schlimmer, dann gräbt Deutschlands größter Jammerbarde auch noch „Amazing Grace“ aus und beraubt sie ihres letzten bisschen Würde. An dieser Stelle wünscht man sich doch sehr, der gute Herr Naidoo wäre „Nicht Von Dieser Welt“. Wie viel Sauerstoff gibt es eigentlich so außerhalb der Erde? Ich frage nur für einen Freund.

Musikalisch wird das natürlich sicherlich ganz großes Tennis sein. Ein paar Streicher hier, ein paar Klavierakkorde da und ab und an eine dieser ominösen dreckigen Hiphop-Snares, die den Hörer überzeugen sollen, man habe es hier mit urbaner Kunst zu tun. Immerhin verkaufte sich der Namensvorgänger bis heute über 1,5 Millionen Mal, da kann man schon einmal drei Jahre mit Moses Pelham zusammen an einem legitimen Nachfolger schrauben, um natürlich noch mehr Geld Kunst zu generieren. Ein Schelm, wer Böses dabei denken mag. Nach 14 Titeln ist man dann endlich „Frei“. Bis in drei Jahren dann der Nachfolger von „Zwischenspiel – Alles für den Herrn“ erscheint. Immerhin verkaufte sich das Original auch schon ein paar Mal – da wird doch sicher noch einiges an Kunst herauszuholen sein.

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