Unerhört: Mark Medlock – Zwischenwelten

Unerhört! In Zeiten der allgemeinen Tiefsinnigkeit wünsche ich mir die gute alte Oberflächlichkeit zurück. Es sollte wieder fair und anerkannt sein, Dingen von Außen einen Stempel aufzudrücken, ohne sich damit vorher befasst zu haben. Schließlich wurde ich früher im Schwimmbad auch immer ausgelacht. Deshalb bewerte ich künstlerische Werke nun ausschließlich nach dem Einband und nicht nach der Füllung. Bon Appetit.

Es gibt diese Menschen, die sehr überzeugt davon sind, dass es auf dieser Welt eine gewisse Übernatürlichkeit gibt. Das muss nicht zwangsweise etwas mit Gott, kleinen grünen Männchen oder der Haut von Seal zu tun haben, aber irgendein Mehr scheint trotzdem Bestandteil der Sehnsüchte zu sein. In diesem Sinne hoffen viele, teilweise talentierte und peripher ambitionierte Musiker den großen Karrierewurf durch eine Castingshow zu erreichen. Anstatt lachend in eine Kreissäge zu laufen, laufen sie zu Auswahlshows und bangen um einen Platz im Recall. Einer dieser Menschen, die sicherlich schon als Kind einmal zu oft in Richtung Wand geschaukelt, es aber trotzdem noch zu DSDS geschafft hat, ist Mark Medlock. Er gewann wie im Rausch die vierte Staffel, verkaufte danach trotz Dieter Bohlen mehrere Hunderttausend Platten und verschwand dann da, wo sie am Ende alle landen: Im Nimbus der gebrandmarkten DSDS-Kandidaten. Oder erinnert sich ernsthaft noch jemand an Luca Hänni, Daniel Schuhmacher oder Pietro Lombardi? Also für seine Musik, nicht für die ganze Rumgeficke-Story. Umso verwunderlicher erscheint es also, dass im Jahr 2017 tatsächlich noch ein neues Album von Mark Medlock erscheint. Ich schalte also schon einmal begeistert meine Boxen aus und gucke mal, was der schnuckelige Mad Marky mir da zu bieten hat.

Weiß dominiert das Cover, Weisheit aber leider nicht den Inhalt: Ein erster Eindruck, der sich bei tiefergehender Betrachtung bestätigt. Gleich zwei Mal ziert ein Namensschriftzug das Cover, auf dem Markiboi, unter einer dicken Fellkaputze versteckt, nicht einmal die Cochones aufbringt, um dem Käufer direkt in die Augen zu schauen. Stattdessen wandert der Blick abwesend in die rechte untere Bildecke, wie es immer schon in der Schule war, wenn jemand was ausgefressen hatte und nicht erwischt werden wollte. Was der Designer jedenfalls ausgefressen hat, sind drei verschiedene Schriftarten auf einem Cover. „Zwischenwelten“ lautet der neuste Titel, der erklärt, warum Mark Mettwursts Antlitz nur schemenhaft abgebildet ist. Irgendwo zwischen Transzendenz, Erleuchtung und der dritten Pille zu viel auf der Party finden wir uns hier in einem satten Wirbel der Emotionen wieder, der für günstige 25 Euro immerhin ganze zwölf Anspielstationen bereit hält.

Der Hinweis „Musik und Text Mark Medlock“ ziert elf Nummern auf der Rückseite, dabei wäre es wohl sinniger gewesen, ihn im Stile des „Parental Advisory“ Logos auf der Vorderseite fett abzudrucken. Mitten über das Gesicht. Sicher ist sicher. Immerhin dramaturgisch hat sich der gebürtige Frankfurter bei der Titelauswahl was gedacht. Auf „Ich lass los“ folgt „Flieg mit mir“ und anschließend „Wenn Engel sprechen“ – sinniger kann man die misslungenen Flugversuche und den damit verbundenen Tod als Klimax nicht konstruieren. Auch danach bleibt er diesem Schema treu: Auf „Meine Liebe zu dir“ folgt „Gib mir mein Herz zurück“, auf „Friede sei mit euch“ folgt „Toben“. Die gesamte Tracklist zeugt von einer Ambivalenz, die man sonst nur von manisch-depressiven Koksnasen kennt, die einen an der Theke eines hiesigen Szeneclubs volllabern. Würde jedenfalls erklären, warum das Cover weiß ist und Medlock eine Winterjacke trägt.

Musikalisch zieht sich diese Unsicherheit sicherlich ebenfalls durch. Irgendwo zwischen Popbeats und Alleinunterhalterkeyboard klackern Sounds wie aus dem Kinderzimmer, über die Medlock seine erleuchtenden Lebensweisheiten zum Besten gibt: „Du musst nur glauben und frei sein/ und mit Liebe dabei sein/“ (Jeder Song) Dabei ist Medlock selbst so sehr mit Liebe dabei, dass man sich gar nicht sicher ist, ob er nun singt oder doch nur sanft in ein ketaminbedingtes Koma entschwindet. Seit Xavier Naidoo lagen Drogenvisionen und Pseudochristentum nicht mehr so nah beieinander im Bett (No Homo natürlich). Oder kurz gesagt: Wenn ich für 25 Euro hören will, wie ein Mensch komplett an sich selbst und allem, was er tut, und vor allem der gesamten Menschlichkeit scheitert, dann kaufe ich mir davon lieber eine ganze Staffel Bachelor-Folgen. Oder diverse Tüten Chips.

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