Tore der Enttäuschung

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Adventskalender. Er war aus grünem Stoff in Form eines Tannenbaums, mit weißen Taschen von der Spitze bis zum Stamm, fein säuberlich mit bunten Zahlen durchnummeriert. Mein Opa hat ihn immer für mich und meine Geschwister befüllt, bevor ihm das Alzheimer die Erinnerung an uns verklärte und ihn dazu brachte, meine Mutter bei weiteren Besuchen Bernd zu nennen. Aber gut, er trank auch warmes Bier und schüttete Feigling in seinen Obstsalat.

Jedenfalls wartete in jeder Tasche eine in Alufolie eingewickelte Süßigkeit. Die Treffsicherheit meines Opas variierte dabei in Sachen Kindergeschmack zwischen köstlichen Schokoriegeln und alten Nachkriegs-Kamellen, mit denen man bei Bedarf auch Glas hätte schneiden können. Ich bin mir ziemlich sicher, einige meiner Milchzähne durch die lebensgefährlichen Karamellbonbons eingebüßt zu haben, aber so hatte mein Zahnarzt wenigstens auch was davon.

Ein besonderes Highlight bot der Nikolaustag, denn dann steckte verlässlich Jahr für Jahr ein Fünf-Mark-Stück in der Stofftasche. Fünf Mark! Das war ein halbes Vermögen! Mit dem wertvollen Groschen in der Tasche lief ich durch die Supermarktregale, als würde mir der Laden gehören. Mit Fünf Mark bekam man im Prinzip alles, was ein Grundschüler in den Neunzigern brauchte: Zucker, Zucker, Zucker. Als Getränk, als Essen, Hauptsache knallsüß.

Von Mensch zu Mensch sind die Schwerpunkte in Sachen Adventskalender natürlich unterschiedlich gesetzt. In Milliardärskreisen soll es beispielsweise gang und gäbe sein, dem wohlbetüddelten Nachwuchs einfach ein Anwesen mit 24 Zimmern zu organisieren. Da kommt der gutbürgerliche Manager-Millionär schon mal der eigenen Brut gegenüber vor Erklärungsnot ins Schwitzen.

Es gibt mittlerweile die buntesten Kalendereinfälle: Lokale Metzger verbreiten beispielsweise unter dem Motto „Admettszeit“ die Variante für Fleischliebhaber. Ein mittelständiger Spielzeughersteller bietet den 24-türigen Baukasten „Mein erster Atomsprengkopf“ für angehende Despoten an. Sogar der „Mein eigenes Pony“-Kalender, bei dem junge Mädchen mit 24 Teilen ihr lebendiges Pony mit Haut, Knochen, Organen und allem Pipapo zusammenspaxen, hätte beinahe eine Zulassung erhalten. Er scheiterte lediglich an verschluckbaren Kleinteilen.

Bei mir gab es all das nicht. Ich war schon froh, wenn mein Opa nach Fortschreiten seiner Krankheit nicht irgendwelche Absonderlichkeiten in die Taschen packte. Anfangs waren es noch Harmlosigkeiten wie Ketchup-Päckchen von der Imbissbude oder eine Dose Kaffeesahne. Als ich jedoch einmal an Heiligabend seine Dritten aus der Alufolie wickelte, waren Adventskalender für mich endgültig gestorben.

Seitdem erspare ich mir den unsäglichen Cowntdown auf den vermeintlich tollsten Tag im Jahr – der für die schreibende Zunft übrigens sowieso nicht Heiligabend, sondern ein jeder Zahltag ist. Für mich tut es inzwischen auch einfach eine gute Kiste Bier. Vielleicht finde ich dieses Jahr sogar die Muße, um die passenden Zahlen drauf zu kleben.

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