Früchte des Zorns

Eine eigenartige Stille liegt über dem Gemüsefach, die Luft ist elektrisch aufgeladen. Von einem sanften Windhauch getragen tänzelt ein Heuballen verspielt durch die Supermarktregale. Während die Avocado mordlüstern mit Schaum vor dem Mund aus der Plastikkiste starrt, stimmt eine Paprikaschote leise das Lied vom Tod an. Mensch und Grünzeug stehen sich im finalen High Noon gegenüber.

Obst und Gemüse galt lange als sichere Bank. Ernährungsexperten im In- und Ausland waren sich sicher: Was schon nicht gut schmeckte, musste wenigstens gesund sein. Doch zuletzt zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Längst ist bekannt, dass jährlich mehr Menschen durch herabstürzende Kokosnüsse umkommen als durch Haiangriffe. Verschluckte Kirschkerne gelten ebenso als Bedrohung wie die Avocado, die aufgrund ihrer Haptik beim Schneideversuch tiefe Wunden in Händen verursacht und so eine ganze Generation von Biomarkteinkäufern daran hindert, auf der nächsten WG-Party in der Küche „Wonderwall“ auf der Gitarre zu spielen. An Zufall glaubt niemand – kein Zweifel, die Gemüsetheke trachtet uns nach dem Leben.

Prof. Dr. Sue Kini führt den Lehrstuhl für Ernährungswissenschaften und Allgemeine Verunsicherung an der ALDI Süd Universität. Wir treffen sie für eine genaue Analyse der Gefahrenlage direkt vor Ort: Mitten in der Gemüse- und Obsttheke. „Sehen sie, das meine ich, niemand ist hier sicher“, kommentiert die Expertin zur Begrüßung einen Kunden, der ungelenk auf einer Bananenschale ausrutscht und auf Nimmerwiedersehen in einer Tiefkühltruhe verschwindet.

Sie mahnt dazu, möglichst ruhig zu sprechen, der Feind höre schließlich mit. „Allergien, Avocado-Hand und weitere Verletzungen, das kann ja alles kein Zufall mehr sein“, flüstert die Professorin. Ihre düstere Vermutung: Das Gemüse hat nach der jahrelangen Kultivierung die Schnauze gestrichen voll von uns Menschen.

„Einhundert Prozent aller Menschen, die Gemüse und Obst essen, sterben irgendwann. Da muss man ja kein Mathemagier sein um eins und eins zusammenzählen zu können“, so Kini. In einem Sammelband hat sie schlimme Verletzungen durch Grünzeug aller Art zusammengefasst. „Hier, dieser arme Mann ist sehr ungünstig mit seinem Rektum auf eine Gurke gefallen. Schlimm, so was“, kommentiert sie.

Die Fotos sprechen eine deutliche Sprache: Gebrochene Knochen, Anaphylaktischer Schock und tiefe Schnittwunden zeichnen ein Bild des Schreckens. Die Professorin möchte dagegen vorgehen: „Ich fordere Fotos von den Gefahren auf allen Obst- und Gemüseartikeln. Was bei den Rauchern schon nicht klappt, wird hier bestimmt wahre Wunder bewirken.“

In Sachen Prävention und Aufklärung erhofft sie sich, dass mehr Menschen wieder auf ihren kindlichen Instinkt hören. „Die Kinder sind schlau, die wissen, dass Brokkoli und Zucchini nicht vertrauenswürdig sind. Zu viele eigenartige Konsonanten hintereinander im Namen“, sagt Kini. Speziell ausgebildete Ernährungswissenschaftler sollen deshalb an Schulen unter dem Titel „An apple a day and you pass away!“ für eine Neubelegung des Pausenbrotes kämpfen.

In langjährigen Studien hat die Expertin eine neue Ernährungspyramide entworfen, die den Zorn der Früchte besänftigen soll. „Das breite Fundament besteht nun aus Butter und Fleisch. Nur in äußersten Notfällen sollte Gemüse oder Obst zur Verfeinerung der Speisen verwendet werden“, so die 53-jährige. Von dieser neuen Pyramide erhofft sich Kini eine sicherere Ernährung und einen positiven Einfluss auf die durchschnittliche Lebenserwartung.

Doch auch vor drastischeren Guerilla-Maßnahmen schreckt die Aktivistin nicht zurück: Sie versteckt sich im Gemüsefach, springt plötzlich daraus hervor und übergießt kaufbereite Kunden mit einem Eimer pürierter Waldbeeren. Dabei schreit sie: „Obstessen ist Selbstmord!“ und „Ich esse mein Gemüse nicht, nein, mein Gemüse esse ich nicht!“

Dass ihr dieses radikale Verhalten ein weiteres Hausverbot – ihr mittlerweile zweihundertsiebtes – beschert, lässt sie kalt. „Jedes Hausverbot hält mich weiter von der Gefahr entfernt“, sagt sie, während sie genüsslich an einem Stück Rindfleisch aus Massentierhaltung leckt.

Sollen sich die Menschen nun vor einem Aufstand im Lebensmittelregal fürchten? „In den meisten Discounter-Filialen ist gerade das Obst meist zu faul dafür. Ansonsten müssen wir diese Revolution natürlich im Keim ersticken – wir gießen einfach Beton über alle Anbauflächen!“ Was der Otto-Normal-Verbraucher tun kann: „Obst und Gemüse, den ganzen Schmarn halt, einfach links liegen lassen. Stattdessen ordentlich Tiefkühlpizza einpacken, dann läuft das schon.“

Tore der Enttäuschung

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Adventskalender. Er war aus grünem Stoff in Form eines Tannenbaums, mit weißen Taschen von der Spitze bis zum Stamm, fein säuberlich mit bunten Zahlen durchnummeriert. Mein Opa hat ihn immer für mich und meine Geschwister befüllt, bevor ihm das Alzheimer die Erinnerung an uns verklärte und ihn dazu brachte, meine Mutter bei weiteren Besuchen Bernd zu nennen. Aber gut, er trank auch warmes Bier und schüttete Feigling in seinen Obstsalat.

Jedenfalls wartete in jeder Tasche eine in Alufolie eingewickelte Süßigkeit. Die Treffsicherheit meines Opas variierte dabei in Sachen Kindergeschmack zwischen köstlichen Schokoriegeln und alten Nachkriegs-Kamellen, mit denen man bei Bedarf auch Glas hätte schneiden können. Ich bin mir ziemlich sicher, einige meiner Milchzähne durch die lebensgefährlichen Karamellbonbons eingebüßt zu haben, aber so hatte mein Zahnarzt wenigstens auch was davon.

Ein besonderes Highlight bot der Nikolaustag, denn dann steckte verlässlich Jahr für Jahr ein Fünf-Mark-Stück in der Stofftasche. Fünf Mark! Das war ein halbes Vermögen! Mit dem wertvollen Groschen in der Tasche lief ich durch die Supermarktregale, als würde mir der Laden gehören. Mit Fünf Mark bekam man im Prinzip alles, was ein Grundschüler in den Neunzigern brauchte: Zucker, Zucker, Zucker. Als Getränk, als Essen, Hauptsache knallsüß.

Von Mensch zu Mensch sind die Schwerpunkte in Sachen Adventskalender natürlich unterschiedlich gesetzt. In Milliardärskreisen soll es beispielsweise gang und gäbe sein, dem wohlbetüddelten Nachwuchs einfach ein Anwesen mit 24 Zimmern zu organisieren. Da kommt der gutbürgerliche Manager-Millionär schon mal der eigenen Brut gegenüber vor Erklärungsnot ins Schwitzen.

Es gibt mittlerweile die buntesten Kalendereinfälle: Lokale Metzger verbreiten beispielsweise unter dem Motto „Admettszeit“ die Variante für Fleischliebhaber. Ein mittelständiger Spielzeughersteller bietet den 24-türigen Baukasten „Mein erster Atomsprengkopf“ für angehende Despoten an. Sogar der „Mein eigenes Pony“-Kalender, bei dem junge Mädchen mit 24 Teilen ihr lebendiges Pony mit Haut, Knochen, Organen und allem Pipapo zusammenspaxen, hätte beinahe eine Zulassung erhalten. Er scheiterte lediglich an verschluckbaren Kleinteilen.

Bei mir gab es all das nicht. Ich war schon froh, wenn mein Opa nach Fortschreiten seiner Krankheit nicht irgendwelche Absonderlichkeiten in die Taschen packte. Anfangs waren es noch Harmlosigkeiten wie Ketchup-Päckchen von der Imbissbude oder eine Dose Kaffeesahne. Als ich jedoch einmal an Heiligabend seine Dritten aus der Alufolie wickelte, waren Adventskalender für mich endgültig gestorben.

Seitdem erspare ich mir den unsäglichen Cowntdown auf den vermeintlich tollsten Tag im Jahr – der für die schreibende Zunft übrigens sowieso nicht Heiligabend, sondern ein jeder Zahltag ist. Für mich tut es inzwischen auch einfach eine gute Kiste Bier. Vielleicht finde ich dieses Jahr sogar die Muße, um die passenden Zahlen drauf zu kleben.

Wind of Stillstand

Es gibt auf der Welt nur drei Wahrheiten, auf die sich alle Menschen einigen können: „Gelber Schnee schmeckt PfuiPfui“, „Sechs Halbe sind ein Schnitzel“ und „Veränderung ist Oberaffentittengeil“. Eine Liste, die einen Fehler aufweist: Veränderung ist nämlich nicht Oberaffentittengeil, nicht einmal Mitteläffchenhängebusenmäßig. Veränderung ist Unterprimatenhühnerbrustkacke!

Meine Mutter sagte einmal zu mir, dass ich wohl heute noch in meinem Kinderbett schlafen würde, wenn sie es mir damals nicht weggenommen hätte. Ich erlebte also wie unzählige andere Menschen bereits im Kindesalter das Trauma der Veränderung. Gut, bei anderen haben sich die Eltern scheiden lassen und der Hund ist gestorben, oder umgekehrt, aber das Bett hatte nun mal eine sehr lässige Rennautooptik.

Seit diesem Tag stehe ich mit der Veränderung auf Kriegsfuß. Bis zu einem gewissen Lebensabschnitt hat man keine Chance, sich der Veränderung des eigenen Körpers zu entziehen. Auch wenn ich es jahrelang durch das Tragen einer Bleiweste verhindern wollte, wuchs ich dennoch und Mädchen wechselten von doof zu interessant zu wieder doof zu interessant.

Ab einem gewissen Punkt ist diese ganze Pubertätsgeschichte aber vorbei. Bis auf gelegentliche Gewichtsschwankungen hat man es sich in seiner menschlichen Hülle sowie sexuellen Orientierung bequem gemacht und somit gibt es keinen Grund mehr, irgendwas zu ändern. Vorausgesetzt, alle höheren Mächte – Vermieter, Arbeitgeber, Rundfunkgebühr – halten brav die Füße still.

Immerhin ist die Konstanz meist etwas Gutes. Ich bin zufrieden damit, dass die Erde eine gleichbleibende Beschaffenheit hat und nicht ständig zwischen Kugel und Oktaeder herum transformiert. Das macht das Leben planbar. Nicht ohne Grund ist beim Klassentreffen der Ausruf „Du hast dich aber verändert“ oftmals zu ergänzen mit „aber nicht zum Guten, du Kackvogel!“

Dennoch wollen uns Gebildete aller Länder vom Vorteil der Veränderung überzeugen. „Die einzig Konstante im Universum ist die Veränderung!“, sagte Heraklit einmal. Aber Heraklit erkrankte auch an Wassersucht und musste sich selbst behandeln, weil kein Schwein von Arzt sein Kauderwelsch verstehen konnte. Kein Wunder, dass er laut Mythos am Ende alleine unter einem Misthaufen starb.

Ein weiterer Gelehrter singt: „The Wind of change blows straight into the face of time.“ Aber im selben Lied, das übrigens zurecht nur noch gespielt wird, um Alkoholiker mit einer Träne im Knopfloch morgens um 11 Uhr aus der Kneipe zu scheuchen, möchte der gute Klaus Meine uns glaubhaft versichern, dass seine Gitarre etwas zu erzählen hätte. Das ganze in Kombination mit seiner Herkunft Hannover – eine schwierige Quellenlage!

Selbst die Politik zelebriert die Konstanz und den Stillstand. Immerhin werden sogar industrialisierte Länder in Mitteleuropa nach der Maxime „Bitte nichts anfassen, nichts verschieben“ mehr oder minder erfolgreich herunter regiert. Die Wahlergebnisse beweisen: Wer nichts macht, macht eben auch nichts falsch! Diesem Mantra folgend werde ich mir in den nächsten Tagen wieder einen schicken Rennwagen zulegen – selbstverständlich aus dem Bettenhaus.

Ehrliche WG-Anzeige: Ehemaliges Bordell

Mit der WG Suche ist es ja immer so eine Sache. Da lässt man in der Anzeige drei Wände schon mal vier sein und lügt, dass sich die Balken biegen, nur, damit die hilflosen Erstsemester der Spinne ins Netz gehen. Und zack – ausbeutender Mietvertrag, Verschuldung und Peter Zwegat. Um dieses Elend zu ersparen, hier nun also eine neue Reihe mit ehrlichen WG-Anzeigen – so wie Gott und die Menschheit sie niemals wollte, aber muss man jetzt halt mit klar kommen.

Anschreiben:

Hallo Süße,

schön, dass du dich für unsere kleine, aber feine Bleibe interessierst. Vorneweg: Wir sind eine reine Mädels-WG und möchten es auch bleiben. Unsere Wohnung bietet dir alles, was du brauchst. Wir haben 5 kleine Kabinen, die als Zimmer dienen. Ein Rollo trennt jeweils die einzelnen Zimmer vom gemeinsamen Wohnzimmer ab. Durch einen praktischen Schlitz kannst du Geld oder andere Sachen direkt aus deiner Kabine ins Wohnzimmer schieben. Eine Küche / Toilette / Schminkzimmer / Garderobe gibt es wunderbarerweise in einem auf ca. 20qm von hinten (hihi) an die Kabinen angeschlossen Innenhof. Wir haben also alles, was wir brauchen – nur eine fünfte Mitbewohnerin fehlt noch.

Dein Zimmer:

Mit 4qm ist der Raum selbstverständlich etwas knapp bemessen, für ordentliche Sauerstoffzufuhr sorgt aber eine fehlende Überdachung. Keine Sorge, für den Fall, dass es mal rein regnen sollte, kannst du dir von uns Schwimmärmchen ausleihen. Im Optimalfall sogar ohne Loch. Das Zimmer ist mit einem gemütlichen Sessel bereits eingerichtet. Er ist höhenverstellbar und auch die Lehne ist beweglich, weshalb er sich hervorragend zum Schlafen eignet. Halte ihn nur einfach von Schwarzlicht fern.

WG-Leben:

Wir Mädels führen einen aktiven Austausch gegeneinander. Das reicht von Zigaretten über Herpessalben bis hin zu Körperflüssigkeiten. Frei nach dem Motto: Alles muss, nichts darf. Als reine Mädels WG haben wir zwar auch manchmal Krach, aber es gibt kaum einen Zickenkrieg, der nicht mit Prosecco, Schokolade und ein paar zünftigen Muschitritten beendet werden könnte. Drei der vier Mädels kommen aus Osteuropa und sprechen kaum oder nur bröckchenhaft Deutsch. Aber das macht nichts, denn anspucken versteht man in jeder Sprache. Ansonsten führen wir ein friedlich-freundliches Feierleben hier in unserem kleinen Puff. Manchmal kommen verwirrte ehemalige Kunden vorbei, lungern mit gezücktem Kolben in unseren Kabinen und stopfen Geld durch den Schlitz ins Wohnzimmer um den Rollladen zu öffnen. Was du daraus machst, sei dir selbst überlassen – Ich sag ja immer, lieber etwas Geld in der Tasche als keine Prostituierte sein. Hihi. Svetlana, Tamisha und Stankova ist es völlig egal, wer einzieht, weil sie sowieso die meiste Zeit auf Heroin sind. Manchmal lassen sie ihre benutzten Spritzen herum liegen, aber dann weist man sie einfach darauf hin und zack – Muschitritte! Wie du sicherlich merkst, sind wir ein bunt gemischter Haufen, der einfach eine gute Zeit zusammen haben möchte. Wer Ruhe braucht, der zieht sich einfach zurück, macht den Rollladen herunter und schläft ein wenig. Interesse? Dann schreib uns einfach ein wenig was über dich (Körbchengröße, Nacktfotos – das übliche) und wir sehen uns dann beim Casting. Bussi Bussi :*

Lage:

Unsere Wohnung liegt außerhalb im Industriegebiet. Es gibt um die Ecke genug Parkmöglichkeiten und zum Straßenstrich ist es auch nicht weit. Lediglich der öffentliche Nahverkehr lässt etwas zu wünschen übrig, dafür haben unsere Nachbarinnen auf besagtem Straßenstrich manchmal öffentlich und sehr nah Verkehr. Hihi. Einkaufsmöglichkeiten gibt es keine, dafür musst du deinen Arsch schon in die Innenstadt schwingen, aber eigentlich ernähren wir uns sowieso nur von Zigaretten und Wodka. In näherer Umgebung (fußläufig 5-10 Minuten – je nachdem, wie lang deine Beine sind) gibt es ein Kino, das ausgezeichnet gemütliche Sitze hat. Die Filmauswahl reicht von Petting über 0815-Kram bis hin zu Hardcore. Es lohnt sich, Frauen kommen oftmals umsonst. Hihi.

Top10 der Dinge, die du nicht penetrieren solltest!

In der Pubertät fällt es oftmals schwer, den eigenen Hormon-Rucksack auf den viel zu schmächtigen Schultern herum zu schleifen. Alles ödet einen an, die Eltern verstehen sowieso nichts und überhaupt ist alles ziemlich ziemlich schlimm. Besonders die jungen Männer haben schwer zu kämpfen: Zu viel zu tun, Stress und irgendwie kann man ja auch den ganzen Tag nicht die Griffel vom eigenen Schwengel lassen. Dass man so keine Frauen kennen lernt, ist in Zeiten von Hollywoodkomödien und Kuppelshows nichts neues – „Papierkram erledigen“ war noch nie ein angesagtes Hobby. Trotz alledem und gerade deswegen ist es sehr wichtig, den eigenen Überdruck wohl zu regulieren und sich davon nicht auf dumme Gedanken bringen zu lassen. „American Pie“ hat immerhin den Hype erkannt und eine ganze Generation Teenager zu Käufern von Apfelkuchen werden lassen. Gut für die Industrie. Aber wer denkt denn auch mal an die Kinder? Ich verstehe mich selbstredend als humanitäre Aufklärungseinheit und liefere deshalb hier die Top10 Dinge, in die ihr während der Pubertät nicht rein ficken solltet. Woher ich das alles weiß? Fragt meine Mutter:

  1. Warmer Apfelkuchen: Ich mein, mal ehrlich. Wer so was macht, der schubst auch Omas aus der Bahn und wählt AfD. Der abscheuliche Klassiker einer Generation, die ihre Genitalien lieber an warmen Äpfeln als an… nein, ich schreibe jetzt keinen Gag mit Pflaumen oder Melonen.
  2. Alles mit Chili: Würziges Vergnügen am Arsch!
  3. Eine Melone: Ja, es heißt Fruchtfleisch, da kann man schon bei ausgeprägter geistiger Umnachtung mal durcheinander kommen. Dennoch gilt: Wer unbedingt ein Loch in eine Melone bohrt, der möge es bitte mit Wodka ausfüllen, statt mit dem eigenen Gemächt.
  4. Madonna: Erklärt sich von selbst, oder?
  5. Ameisenbauten: Anfangs mag es etwas kribbeln, als würde eine umsichtige Liebhaberin zaghaft ihre Hand führen. Und ja, irgendwie ist da ja auch so ein Loch und wofür wäre das denn sonst gut, wenn nicht für einen ausgeprägten Liebesmambo? Aber heben wir es mal auf eine andere Ebene: Wie würdest du es denn finden, wenn ein Wesen, das circa 188x so groß wie du ist, ständig seinen Riemen durch dein Dachfenster stößt?
  6. Calippo-Eis Pappe: Klebrig, kalt und wird nach hinten hin enger – quasi die chinesische Fingerfalle unter den Vagina-Protesen.
  7. Gebratenes Hühnchen: Denk doch einmal an die hungernden Kinder in der Welt. EINMAL!
  8. Insektenbruzzler: Es ist allseits bekannt, dass Pubertätskranke von leuchtenden Dingen angezogen werden – Fernseher, Laptop usw. Dementsprechend sei den Eltern geraten, den Insektenbruzzler entweder tief im Keller zu verstecken (irgendwo in er Nähe der Großeltern) oder auf eine so hohe Stufe einzustellen, dass es einfach keinen Spaß mehr machen kann. Also dem Kind. Einem selbst sicherlich.
  9. Steckdosen: Im Prinzip ähnlich wie Insektenbruzzler. Nur tödlicher. Rein nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip auch recht sinnlos. Lass gut sein.
  10. Die eigene Mutter

Bewerbung als BVB-Trainer

Sehr geehrter Herr Watzke,

wie ich kürzlich über einige Qualitätsmedien erfuhr, ist die Stelle als Cheftrainer des BVB vakant. Als langjähriger Couchtrainer (Bitte nicht verwechseln mit Coach!!!) und überzeugter Verfechter der Kombination „Fußball im Fernsehen“ und „Bier“ bewerbe ich mich hiermit um diese Stelle.


Was soll ich zu meiner Person sagen? Ich bin einfach ein angenehmer Zeitgenosse. Zu meinen Hobbys gehören lange Strandspaziergänge, Halbzeitkonzerte von Helene Fischer und Wut auf kommerzialisierte Bundesligavereine. Manchmal stehe ich den gesamten Tag im Bad und gieße Redbull in den Ausguss, einfach, um mich überlegen zu fühlen.


Mit mir kann man lange und intensiv reden. Meine vorherigen Arbeitgeber (Ex-Freundin 1-3) können Ihnen davon ein Lied singen. Manchmal neige ich zu übertriebener Emotionalität, dann setze ich mir eine Pöhler-Kappe auf und springe im Jogginganzug an Seitenlinien von Amateurclubs herum. Manchmal wächst mir dabei sogar spontan ein Drei-Tage-Bart, aber das kam erst selten vor und dauerte meist eher so achtzehn Wochen.


Was ich von Fußball verstehe? Fragen Sie dahingehend ruhig meine Nachbarn, die hören oft genug, wie ich versuche, Profifußballern lautstark ihren Job zu erklären. Kommen Sie mir aber bitte nicht mit Strategien, mit diesem ganzen 3-5-2, 4-5-1, 5-2-3 kann ich nichts anfangen. Ich bin da eher ein klarer Verfechter des Sixpacks und einer gepflegten Defensivbasis aus Grillfleisch und verschiedenen Salaten.


Was Sie von mir also erwarten können? Eine intensive Freundschaft, viel Zärtlichkeiten und vielleicht auch ein wenig mehr. Von Fußball habe ich zwar keine Ahnung, aber wenn Sie mich gut bezahlen, dann fresse ich Ihnen Studentenfutter aus der Hand und schnurre. Das mögen Sie doch sicherlich.


Über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen. Bei Bedarf kann ich auch noch schnell vorher Skat lernen. Ich schwöre.


Beste Grüße,


Felix Bartsch

Unerhört: Mark Medlock – Zwischenwelten

Unerhört! In Zeiten der allgemeinen Tiefsinnigkeit wünsche ich mir die gute alte Oberflächlichkeit zurück. Es sollte wieder fair und anerkannt sein, Dingen von Außen einen Stempel aufzudrücken, ohne sich damit vorher befasst zu haben. Schließlich wurde ich früher im Schwimmbad auch immer ausgelacht. Deshalb bewerte ich künstlerische Werke nun ausschließlich nach dem Einband und nicht nach der Füllung. Bon Appetit.

Es gibt diese Menschen, die sehr überzeugt davon sind, dass es auf dieser Welt eine gewisse Übernatürlichkeit gibt. Das muss nicht zwangsweise etwas mit Gott, kleinen grünen Männchen oder der Haut von Seal zu tun haben, aber irgendein Mehr scheint trotzdem Bestandteil der Sehnsüchte zu sein. In diesem Sinne hoffen viele, teilweise talentierte und peripher ambitionierte Musiker den großen Karrierewurf durch eine Castingshow zu erreichen. Anstatt lachend in eine Kreissäge zu laufen, laufen sie zu Auswahlshows und bangen um einen Platz im Recall. Einer dieser Menschen, die sicherlich schon als Kind einmal zu oft in Richtung Wand geschaukelt, es aber trotzdem noch zu DSDS geschafft hat, ist Mark Medlock. Er gewann wie im Rausch die vierte Staffel, verkaufte danach trotz Dieter Bohlen mehrere Hunderttausend Platten und verschwand dann da, wo sie am Ende alle landen: Im Nimbus der gebrandmarkten DSDS-Kandidaten. Oder erinnert sich ernsthaft noch jemand an Luca Hänni, Daniel Schuhmacher oder Pietro Lombardi? Also für seine Musik, nicht für die ganze Rumgeficke-Story. Umso verwunderlicher erscheint es also, dass im Jahr 2017 tatsächlich noch ein neues Album von Mark Medlock erscheint. Ich schalte also schon einmal begeistert meine Boxen aus und gucke mal, was der schnuckelige Mad Marky mir da zu bieten hat.

Weiß dominiert das Cover, Weisheit aber leider nicht den Inhalt: Ein erster Eindruck, der sich bei tiefergehender Betrachtung bestätigt. Gleich zwei Mal ziert ein Namensschriftzug das Cover, auf dem Markiboi, unter einer dicken Fellkaputze versteckt, nicht einmal die Cochones aufbringt, um dem Käufer direkt in die Augen zu schauen. Stattdessen wandert der Blick abwesend in die rechte untere Bildecke, wie es immer schon in der Schule war, wenn jemand was ausgefressen hatte und nicht erwischt werden wollte. Was der Designer jedenfalls ausgefressen hat, sind drei verschiedene Schriftarten auf einem Cover. „Zwischenwelten“ lautet der neuste Titel, der erklärt, warum Mark Mettwursts Antlitz nur schemenhaft abgebildet ist. Irgendwo zwischen Transzendenz, Erleuchtung und der dritten Pille zu viel auf der Party finden wir uns hier in einem satten Wirbel der Emotionen wieder, der für günstige 25 Euro immerhin ganze zwölf Anspielstationen bereit hält.

Der Hinweis „Musik und Text Mark Medlock“ ziert elf Nummern auf der Rückseite, dabei wäre es wohl sinniger gewesen, ihn im Stile des „Parental Advisory“ Logos auf der Vorderseite fett abzudrucken. Mitten über das Gesicht. Sicher ist sicher. Immerhin dramaturgisch hat sich der gebürtige Frankfurter bei der Titelauswahl was gedacht. Auf „Ich lass los“ folgt „Flieg mit mir“ und anschließend „Wenn Engel sprechen“ – sinniger kann man die misslungenen Flugversuche und den damit verbundenen Tod als Klimax nicht konstruieren. Auch danach bleibt er diesem Schema treu: Auf „Meine Liebe zu dir“ folgt „Gib mir mein Herz zurück“, auf „Friede sei mit euch“ folgt „Toben“. Die gesamte Tracklist zeugt von einer Ambivalenz, die man sonst nur von manisch-depressiven Koksnasen kennt, die einen an der Theke eines hiesigen Szeneclubs volllabern. Würde jedenfalls erklären, warum das Cover weiß ist und Medlock eine Winterjacke trägt.

Musikalisch zieht sich diese Unsicherheit sicherlich ebenfalls durch. Irgendwo zwischen Popbeats und Alleinunterhalterkeyboard klackern Sounds wie aus dem Kinderzimmer, über die Medlock seine erleuchtenden Lebensweisheiten zum Besten gibt: „Du musst nur glauben und frei sein/ und mit Liebe dabei sein/“ (Jeder Song) Dabei ist Medlock selbst so sehr mit Liebe dabei, dass man sich gar nicht sicher ist, ob er nun singt oder doch nur sanft in ein ketaminbedingtes Koma entschwindet. Seit Xavier Naidoo lagen Drogenvisionen und Pseudochristentum nicht mehr so nah beieinander im Bett (No Homo natürlich). Oder kurz gesagt: Wenn ich für 25 Euro hören will, wie ein Mensch komplett an sich selbst und allem, was er tut, und vor allem der gesamten Menschlichkeit scheitert, dann kaufe ich mir davon lieber eine ganze Staffel Bachelor-Folgen. Oder diverse Tüten Chips.

Fleischeslust im Gemüsebeet

Sex und Essen – spätestens, seit ein dürrer Mann im privaten Nachmittagsfernsehen seiner Freundin Spaghetti Bolognese auf seinem Bauch serviert hat, sind diese zwei Ur-Beschäftigungen des Menschen untrennbar miteinander verwoben. Ernährungstrends wirken sich auf unsere Sexualität aus, versprechen gar größere Erfüllung beim alten Rein-Raus-Spiel. Raffiniert gekochte Gerichte regen unsere Geschmacksknospen und ebenso die Knospen der Geliebten an und neue Trends greifen überall um sich. In meiner kleinen, aber feinen Redaktion ist es längst Brauch geworden, das Mittagessen von den nackten Oberkörpern meiner Praktikanten verschiedensten Geschlechts zu schnabulieren. Und was soll man sagen? Es schmeckt halt! Auch Literatur und Wissenschaft sind auf diese Zusammenhänge aufmerksam geworden. Besonders der Veganismus als der heißeste Scheiß in Sachen Gaumenkitzler scheint im Zentrum der aktuellen Schreiberei zu stehen. „Fleischpeitsche?! Ich gebe deiner Mutter vegan!“, lautet der Titel des neusten Bestsellers des renommierten Autors, Kochs und Heiratsschwindlers Raimund Lauchmann. Ich sprach mit ihm über Veganismus, Sex, das Wetter und andere Nichtigkeiten.

Herr Lauchmann, na, steht der Porree senkrecht?

Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? Hat man ihren Blumenkohl zu heiß gekocht? Als sei ich plötzlich lediglich aus pflanzlichem Material, nur, weil ich eine vegane Ernährung in Zusammenhang mit einem besseren Sexleben propagiere.

Ihr neues Buch beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Veganismus und Sex. Die steile These dazu lautet: Wer dem Fleisch in der Küche entsagt, der wird dahingehend im Schlafzimmer wahre Wunder erleben. Wie begründen Sie das?

Ich dippe für mein Leben gern meinen Gemüsestick in Kräutersauce, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und Frauen lieben es. Doch das war nicht immer so. Früher, als ich noch eine richtige deutsche Kartoffel war, habe ich zeitweise Bratensauce als Mundspülung und Käsewurst als Zahnbürste verwendet. Ich wurde müde, ausgelaugt, abgeschlafft. Das viele Fett und die tierischen Produkte zogen mich respektive mein Glied runter, Marke „Mit-Sand-gefüllter-Luftballon“. Es musste sich etwas ändern und anstatt Sport zu machen und zum Arzt zu gehen, habe ich einfach mal von heute auf morgen sämtliche tierischen Produkte aus meiner Küche verbannt. Vom Balkon geworfen habe ich sie, auf die Obdachlosen. Das war ein heilloses Chaos, sag ich Ihnen. Aber meinem Lümmel geht es seitdem wieder gut.

Ein viel zitierter Satz ihres neuen Werkes ist eine Hommage an Nietzsche und lautet: „Wenn du zum Weibe gehst, dann mit den Staudensellerie mit!“ Sind Wurzelgemüse und Quinoa vermeintlich das neue Zuckerbrot & Peitsche?

Es ist ja wissenschaftlich erwiesen, dass einige Lebensmittel Stimulanzien enthalten, welche die Liebessäfte in Wallung bringen. Darüber sollte man Bescheid wissen, denn die moderne Gesellschaft hat einfach keinen Platz mehr für Menschen, die das grobe und offensive Vorgehen einer Peitsche bevorzugen. Viel mehr führt der Weg in das Höschen einer Frau immer direkt durch den Magen. Das klingt jetzt naheliegender und zugleich ekliger, als es eigentlich impliziert war, doch sie verstehen sicher, was ich meine. Statt Zwang und Unterwerfung fordere ich Umgarnung und Grünkohl!

Apropos Grünkohl: Einschlägige Magazine berichteten, dass sie unter dem Namen Helmut Grünkohl Deutschlands erster veganer Rapper werden wollen?

Was soll ich sagen? Irgendwie muss man das junge Gemüse ja erreichen. Anfang 2017 erscheint mein erstes Album „Von der Metzgerei zum Biogemüsehändler zurück“. Es enthält jetzt schon ein paar moderne Klassiker wie „Vincent Vegan“, „Tofutt“ und „Beethovens Neunte“. Bei der Produktion haben wir übrigens darauf geachtet, nur mit analogen, organischen Instrumenten zu arbeiten, für deren Herstellung keine Tiere verletzt oder aus ihrem natürlichen Habitat vertrieben wurden. Es geht auch darum, einmal stolz für den Veganismus die Flagge zu zeigen und eben auch Grenzen abzustecken. Wie ich es selbst rappe: „Du Fleischesser-Bitch bist dumm/ Nach Schnitten mit dem Messer liegst du in roter Sauce – Basilikum/“ (lacht)

Was sagen Sie zum Wetter?

Ich mag das Zusammenspiel aus Kumuluswolken und leichtem Nieselregen. Da bin ich exzentrisch. Ich stelle mich dann auch gerne in das kalte Nass, damit niemand sieht, wie ich darüber weine, dass ich eigentlich ein unsagbarer Dummkopf bin. Verraten Sie das bitte niemandem, aber manchmal, wenn ich schlecht drauf bin, ziehe ich mir Lady Gagas Fleischdress an und lutsche im Badezimmer heimlich an Mettenden.

Vielen Dank, Herr Lauchmann, dass sie hier waren. Danke auch, dass sie wieder gehen. Ihre letzten Worte?

Kauft mein Buch, ich brauche Geld, um mir lebenswichtige Nährstoffersatzprodukte leisten zu können.

Unerhört: Xavier Naidoo – Nicht Von Dieser Welt

Unerhört! In Zeiten der allgemeinen Tiefsinnigkeit wünsche ich mir die gute alte Oberflächlichkeit zurück. Es sollte wieder fair und anerkannt sein, Dingen von Außen einen Stempel aufzudrücken, ohne sich damit vorher befasst zu haben. Schließlich wurde ich früher im Schwimmbad auch immer ausgelacht. Deshalb bewerte ich künstlerische Werke nun ausschließlich nach dem Einband und nicht nach der Füllung. Bon Appetit.

Der Ausspruch „Die Geschichte wiederholt sich“ ist mittlerweile zu einem geflügelten Satzfragment geworden, das in allerlei Situationen angebracht wird, um tragische Geschehnisse in den Kontext einer historischen Entwicklung zu stellen. Oder wie wir Kunstkritiker geschmackvoll zu sagen pflegen: Gab es halt schon einmal, langweilt. Dennoch scheint es gerade in den letzten Jahren ein Trend unter Musikern geworden zu sein, dem eigenen Frühwerk kurz vor Besteigen der Totenbahre noch einmal einen Bastard von einem Geschwisterkind zu schenken. Wenn dann schon das Frühwerk nur mit fragwürdiger genetischer Zusammensetzung daher kam, dann gute Nacht. Doch kommen wir jetzt zu etwas, was mit der bisherigen Einleitung natürlich (Zwinker Zwinker) rein gar nichts zu tun hat: Xavier Naidoo schenkt seinen „Hörern“ ein neues Werk namens „Nicht von dieser Welt 2“. Damit fügt er also seinem Frühwerk, das gerade die Volljährigkeit erreicht hat, ein weiteres Kapitel hinzu. Der geneigte Rezensent schmeißt derweil seinen imaginären Partyhut in die Luft, wohl wissend, dass er das Werk nicht hören muss. Na dann mal ran an den Speck.

Irgendwie ist das Cover ziemlich nichtssagend. Weißer Hintergrund, simple Schriftzüge und ein Xavier, der treudoof in die Kamera glotzt. Doch halt, das ist nur die halbe Wahrheit, denn schräg durch das Gesicht des Protagonisten zieht sich ein Riss. Deshalb scheint er halb schwarz und halb weiß. Haha. Das ist Ästhetik, da war sicherlich ein cleverer Designer am Werk. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu dumm um das Cover zu verstehen und die tiefere Bedeutung zu interpretieren. Vielleicht ist es aber auch einfach reichlich geistlos. Das träfe es jedenfalls ganz gut, denn so in etwa stelle ich mir anhand der Tracklist das Album auch vor. „Ich bin durch Feuer und Asche gegangen/ ich habe nie gewankt und ihr habt mich gefangen/“ wird schätzungsweise das Album auf „Nicht von dieser Welt – die Rückkehr“ eröffnet. Wie war das noch? Don’t hate the player…

Die restliche Tracklist liest sich als Who-is-Who des Pseudotiefgangs. „Renaissance“, „Der Fels“, „Das Prinzip“ – intelligente und kluge Texttitel? „Das Lass‘ Ich Nicht Zu“! Spätestens, wenn Moses Pelham wieder entmumifiziert wird, um auf „Ich Will Leben“ einen schätzungsweise wahnsinnig unzeitgemäßen Rappart in seine Kauleiste zu nuscheln, ist der Tracktitel völlig ins Gegenteil gekehrt. Töte mich, sagt mein Gewissen. Bring mich „Dem Himmel Noch Näher“, denn ich bin mit meinem „Latein“ am Ende. Das angedrohte „Wiedersehen“ überhört man besser wohlwollend, wie man auch das „Hey, wir könnten ja mal wieder was unternehmen“ alter Freunde nur mit einem Nicken und dann trockener Ignoranz abtut. Und wenn du denkst, es geht nicht mehr schlimmer, dann gräbt Deutschlands größter Jammerbarde auch noch „Amazing Grace“ aus und beraubt sie ihres letzten bisschen Würde. An dieser Stelle wünscht man sich doch sehr, der gute Herr Naidoo wäre „Nicht Von Dieser Welt“. Wie viel Sauerstoff gibt es eigentlich so außerhalb der Erde? Ich frage nur für einen Freund.

Musikalisch wird das natürlich sicherlich ganz großes Tennis sein. Ein paar Streicher hier, ein paar Klavierakkorde da und ab und an eine dieser ominösen dreckigen Hiphop-Snares, die den Hörer überzeugen sollen, man habe es hier mit urbaner Kunst zu tun. Immerhin verkaufte sich der Namensvorgänger bis heute über 1,5 Millionen Mal, da kann man schon einmal drei Jahre mit Moses Pelham zusammen an einem legitimen Nachfolger schrauben, um natürlich noch mehr Geld Kunst zu generieren. Ein Schelm, wer Böses dabei denken mag. Nach 14 Titeln ist man dann endlich „Frei“. Bis in drei Jahren dann der Nachfolger von „Zwischenspiel – Alles für den Herrn“ erscheint. Immerhin verkaufte sich das Original auch schon ein paar Mal – da wird doch sicher noch einiges an Kunst herauszuholen sein.

„Quo vadis, Burger?“ – ein Abgesang in D-Moll

Wer 2016 noch erfolgreich die Augen verschlossen hielt, kann sich spätestens 2017 nicht mehr der Entwicklung entziehen: Selbst in den entlegensten Dörfern ist mittlerweile der Burger der neue heiße Scheiß. Burgerläden sprießen aus dem Boden, selbst bei Omma in der Küche erscheinen plötzlich bärtige Hipster um saftiges Fleisch zwischen die Brötchen zu packen. Das klang nun anders, als es klingen sollte, ist doch meine Omma keine Prostituierte, aber ihr wisst schon, was gemeint ist. Kaum eine Location ist zu langweilig, kein Wortspiel für den Namen zu albern und keine Kreation zu abgefahren. Eins ist klar: Burger ist Szene, Burger ist Cool – gewöhnt euch dran, ihr Frikadellenfans!

Bei meinem letzten Spaziergang durch die Stadt, die ich nur mache, damit ich Texte mit der Phrase „bei meinem letzten Spaziergang durch die Stadt“ einleiten kann und alles somit sehr realitätsnah wirkt, na jedenfalls, als ich da so durch die Stadt schlawinerte, da erschlug mich plötzlich die Erkenntnis: Der Burger hat uns still und heimlich unterwandert. Getarnt hinter fetzigen Namen wie „Einburgerung“, „Meatropolis“ oder „Grillin‘ me softly“ platzen sie in das friedliche Stadtbild hinein, um alles in Frittenfett zu tunken, das nicht bei drei auf den Bäumen ist. Selbst den Friseuren machen sie den hart umkämpften Rang der schlechtesten Betriebsnamen streitig, die Fleischfetischisten.

Dabei hatte doch alles einmal so friedlich angefangen: Als Frikadelle tauchte des Deutschen liebster Fleischklops, neben Rainer Calmund, Ende des 17. Jahrhunderts das erste Mal auf. Ein feiner deutscher Bub aus bestem Rinderhack, mit einem Kern aus Zwiebeln und alten Semmeln. Was wünscht man sich mehr? Doch bereits im 18. Jahrhundert offenbarten sich Probleme: Den wenigsten Historikern ist bekannt, dass die französische Revolution letztlich aus Unstimmigkeiten darüber hervorging, ob der Fleischklops nun Frikadelle, Papa oder Boulette, was ursprünglich Boule-Spieler bedeutete, heißen möge. Der Ausgang ist ja weitestgehend bekannt. Long story short – Ludwig XVI. bekam seine Boulette abgehackt (Hah!), die französische absolute Monarchie wurde gekippt und am Ende waren alle zufritten (Entschuldigung). Es wurde still um die Fleisch-Frisbees.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dem Hack wieder eine größere Bedeutung zu Teil. Die Etymologie um die Entstehung des Hamburgers ist bis heute verhältnismäßig schwammig, Fakt ist jedoch, dass 1904 bei der Weltaustellung St. Louis Hackfleischbrötchen unter dem Namen „Hamburg“ verkauft wurden. Ob die Namensgebung nun auf Besuche in Hamburg, den Bezug des Fleisches von besonderer Qualität über den Hamburger Hafen oder die Hackfressen der nordischen Bevölkerung zurück geht, soll an dieser Stelle eine untergeordnete Rolle spielen. Die Entstehung des Hamburgers ist und bleibt ähnlich nebulös wie die Zukunftsperspektive des Hamburger Sportvereins. Jedoch ist klar, dass der Hamburger von immenser Bedeutung für die Verdrängung der gewöhnlichen Frikadelle in unseren Breitengraden ist.

Nun, im 21. Jahrhundert, muss ich also an jeder Straßenecke diese Namen lesen. Diese ungezügelte Fleischeslust riechen. Frikadelle, was ist nur aus dir geworden? Du warst doch immer ehrlich, treu und in deiner Großartigkeit so dezent. Das ist nicht mehr die Frikadelle, mit der ich aufgewachsen bin und die ich lieben gelernt habe. Jetzt gießen sie literweise Saucen auf Sojabasis über deine Artgenossen und betten sie auf Rauke oder Chiasamen zur letzten Ruhe. Mehr Alchemist oder Biologe als Koch kreuzen sie Körner miteinander um vegetarische Duplikate zu erschaffen und paaren Fleisch mit Früchten um perverse Chimären zu zeugen, die der Schöpfung spotten. War die Frikadelle noch ein Geschenk Gottes, so ist der Neo-Burger ein großer gestreckter Mittelfinger Richtung Himmel. Die deutschen Tugenden sind längst abgeschüttelt, Burger sind international und somit automatisch vogelwild und unzivilisiert.

Der Gegenwind zur momentanen Entwicklung ist groß. Längst haben sich besorgte Burger (Hah!) zu einem Konglomerat zusammen geschlossen, der AFF – Alternative für Frikadellen! „Wir wollen die deutsche Frikadelle zurück haben!“, fordert ihr Pressesprecher. „Es kann ja nicht sein, dass die hier her kommen und unseren guten deutschen Metzgern ihre Tradition streitig machen. Sojasauce hat auf meinem Fleisch nichts verloren!“, wettert er weiter. Man wolle nun Protestaktionen starten, im Zuge derer diese Fleisch-Verschandler mit Tomi-Senftuben beworfen oder wahlweise selbst zu Hack verarbeitet werden sollen. Die Burgerköpfe sollten sich also unauffällig verhalten, die Burgerwehr ist schon unterwegs auf deutschen Straßen um die Faust für die Frikadelle hoch zu halten. Nicht ohne Grund ist ein Anagramm von Food Truck schließlich auch Doof Truck! Irgendwas muss das ja bedeuten.