Eine Bedrohung mit 7 km/h

Der Mensch ist bequem geworden. Zivilisatorischer Fortschritt und technische Innovation führten dazu, dass die Füße des Menschen mittlerweile maßgeblich dazu da sind, um Schuhe zu halten und die Pedale eines Personenkraftfahrzeuges zu bedienen. Laufen? Voll prähistorisch! Doch eine kleine Gruppe von unbeugsamen Menschen hört nicht auf, der Gemütlichkeit Widerstand zu leisten. „Jogger“ nennen sie sich selbst, erkennbar an oftmals mit Neonfarben gespicktem Schuhwerk sowie Hosen, die nicht nur nichts der Fantasie übrig lassen, sondern einfach sämtliche Fantasie auf immer verderben.

An sich kennt es wohl jeder: Gerade hat man es sich im örtlichen Park passend zu den ersten Sonnenstrahlen bei 29c-Dosenbier vor dem Einweggrill gemütlich gemacht, schon trabt der erste Beinarbeits-Fetischist (Höhö! FETTischist) vorbei – und hinterlässt vor allem Ratlosigkeit. Wo kommt er her? Wo will er hin? Fragen über Fragen. Doch so weit kommt man meist gar nicht, denn wo ein Jogger weilt, da ist meist noch mehr Arges im Busch. „Jogger sind für gewöhnlich Rudeltiere. Ab einer Gruppengröße von fünf bezeichnet man sie als Stampede oder Schulsportkurs.“, so Dr. Karl Bleifuß, wissenschaftliche Fachkraft am „Welche Strecke fahren wir mit dem Auto? Jede, die länger ist als unser Auto“-Institut in Wolfsburg.

Maria Lambertz (Name vom Verfasser mutwillig beibehalten), 59 Jahre alt, musste miterleben, wie ihr Ehemann von einer solchen Stampede erfasst wurde. „Es war schrecklich, einer dieser Momente, die wie in Zeitlupe ablaufen“, so Lambertz. Es geschah an einem sonnigen Tag, man saß auf einer Parkbank am Fluss und beobachtete die vorbeifahrenden Frachtschiffe. „Man hat im Alter ja sonst nichts zu tun. Außerdem wollte ich selbst als Kind gerne mal ein Frachtschiff werden“, gesteht Lambertz. Dann sei ihr Mann aufgestanden, um am Kiosk auf der anderen Seite des Trampelpfades seine sauer verdiente Rente gegen ein Kaltgetränk einzutauschen. Gerade auf halber Strecke wurde er dann von einer plötzlich heran preschenden Schulklasse erfasst. „Es war schrecklich, ich konnte kaum hinsehen“, schluchzt die Ehegattin. Ihr Mann wurde von einem besonders wilden Burschen erfasst und ganze 50 Zentimeter (!!!) zur Seite geschoben. Dabei zog er sich einen blauen Fleck zu, der mittlerweile zwar verheilt ist, doch der Schrecken bleibt für immer. „Da ging es damals in Russland friedlicher zu“, so das Opfer gegenüber einem regionalen Fernsehsender. Das Kaltgetränk hat er nie bekommen.

Die Presse überschlug sich daraufhin. Von einer neuen Bedrohung „von rechts, links, vorne und hinten“ schrieb beispielsweise die Wald-und-Wiesen Lokalzeitung. Deutschlands beliebtester Musiker, Wolfgang Petry, forderte gar das Äußerste: „Wir brauchen umfassende Kontrollen, damit nicht weiter so viele unregistrierte Jogger unsere Waldwege und Trampelpfade unsicher machen. Ich will das auch nicht, aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt.“

Erste Bürgerwehren haben sich bereits gebildet. Die Brigade „Saufen statt Laufen“ in Bonn trifft sich regelmäßig zum Sit-In um ganz altmodisch Flaschen auf die laufende Bevölkerung zu werfen. „Die Jogger klauen uns unsere Frauen“, so Anführer Walter Ichser. Im Sinne der Freiheit sei es demnach geraten, dass jeder deutsche Bundesbürger zu Joggern eine Armlänge Abstand hält und zumindest einen zünftigen Stock mit sich führt, der Notfalls als Stolperfalle verwendet werden kann. Die ganz Gewieften sitzen bereits mit Flinte im Buschwerk um die Laufkundschaft über Kimme und Korn zu legen. Jenen sei fröhlich gewünscht: Petry heil!

Doch wie realistisch ist diese Bedrohung tatsächlich? „Wir nehmen die jüngsten Vorfälle sehr ernst. Es kann nicht sein, dass Jogger hier Jahr um Jahr ihre Kreise ziehen und den für seine Gemütlichkeit hart arbeitenden Deutschen faul aussehen lassen. Das muss ein Ende haben“, ließ Angela Merkel ihren Sprecher gegen eine Welt in Bewegung wettern. Man wolle den totalen Stillstand. Zumindest was das angeht, sind wir jedenfalls derzeit weltweit auf einem guten Weg. Läuft bei uns.

„Mama, du musst mich einschreiben“

Galt der Beginn des Studium verbunden mit der erreichten Volljährigkeit früher noch als Befreiungsschlag aus der elterlichen Fürsorge, so sieht die Realität an deutschen Universitäten mittlerweile etwas anders aus. Dank den Bemühungen der Gesellschaft, junge Menschen möglichst schnell auf den Arbeitsmarkt zu schwemmen, findet an Universitäten ein der deutschen Gesellschaft gegenläufiger demographischer Wandel statt. Schaut man sich in den letzten Jahren einmal die Warteschlangen der örtlichen Einschreibungsbüros an, so sieht man zwischen den üblichen Gesichtern immer häufiger treudoof Händchen haltend mit Mutti kleine Jungs mit Proppellermütze, gepaart mit genervtem Gestöhne vorpubertärer Mädels, denen es sichtlich unangenehm ist, dass ihr Vater neben ihnen in der Öffentlichkeit steht. Wo man nur hinschaut, überall stehen als Mahnmal der Pubertät Pickel so groß wie Gullideckel von der schmierigen Haut hervor. „Mama, du musst mich einschreiben!“ – ein Satz, der an deutschen Universitäten längst Realität ist. Es mag ja auf der einen Seite durchaus als positiv betrachtet werden, dass die neue Generation Mensch gerne früh und viel lernen möchte. Diese Unterwanderung durch Minderjährige im höheren Bildungszweig zieht jedoch unangenehme Konsequenzen nach sich. Klar, der ein oder andere Langzeit- oder Masterstudent mag sich freuen, dass ihm im Bus mittlerweile mit respektvoll leuchtenden Augen und einem unterwürfigen „Sie“ vom jungen Gemüse ein Sitzplatz offeriert wird, leider fühlt man sich während der gesamten Fahrt dann aber unangenehm an Schulausflüge erinnert. Nicht die gute Art Klassenfahrt, als man das Ende der Schulzeit zelebrieren konnte, nein, die Art Klassenfahrt, bei der sich irgendjemand wegen defekter Bustoilette in die Hose machte, überall Spucke-Papier-Komplexe durch Strohhalme abgefeuert wurden und ein unscheinbares Mädchen die gesamte Rückbank mit ihrem Mageninhalt unbenutzbar machte. Weitere Probleme in Sachen Fortbewegung zeigen sich bei der Kapazität der Fahrradständer, nehmen doch die Modelle der minderjährigen Studierenden gerne mal zwei oder gar drei Plätze in Beschlag – dank Stützrädern. Der Vorteil für den etwas wohlhabenderen Studenten: Die Parkplätze für Autos verlieren ihren Status als rares Gut.

Die Universität Düsseldorf hat auf die Jugendschwemme bereits reagiert und beispielsweise eine Campusführung extra für Minderjährige in Begleitung ihrer Eltern entworfen. Dann kann die jeweilige Erzeugergruppe sich auch einmal ein Bild davon machen, wo sich der Filius ab nun herum treibt und ob das denn wirklich ein guter Umgang ist. Da denkt man doch glatt wieder an damals, als man mit nervöser Blase und Scout-Tornister samt miefigem Leberwurstbrot das erste Mal die weiterführende Schule betreten hat. Die höheren Semester machen sich mittlerweile einen Spaß daraus und trinken auf dem Campus einen Schnaps bei jeder erblickten Einschulungstüte – ein Spiel, das schon einige mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Viel schlimmer als die Auswirkungen auf das soziale Miteinander und die Rahmenbedingungen ist aber die Veränderung der Arbeitsatmosphäre. Konstruktives Diskutieren und gemeinsame Forschungsarbeit wird immer schwieriger, wenn Dozenten eben neben dem Lehren auch permanent aufpassen müssen, ob sich niemand mit einer Bastelschere verletzt oder Kaugummis unter den Sitz klebt. Manche Universitäten sind mittlerweile sogar so weit, dass man spezielle Spielecken andenkt, in denen die kleinen Racker sich bei aufkommender Langeweile kurz austoben können. Über eine Stunde ruhig sitzen ist ja auch eine Sisyphos-Aufgabe, wenn man über die Aufmerksamkeitsspanne eines Kolibris verfügt. Aber so sind Teenager nun mal, es gibt immer einen Justin oder Mike oder sonstigen Boygroupsänger, der dann eben im Seminar auch mal wichtiger sein kann als Aristoteles, Adorno oder Goethe.

Man entwickelt sich nun mal unterschiedlich schnell und auch der geneigte Schreiber muss ehrlich sagen, dass er nur höchst ungern seinem siebzehnjährigen Abbild an der Universität begegnen möchte. Außer natürlich, um ihm das Milchgeld aus der mit Flicken verzierten Jeans zu ziehen. Wo die vorherrschenden Themen in Köpfen noch „das erste Mal“ sind und bei Promotion die erste Assoziation Dr. Sommer von der Bravo ist, da kann kein fruchtbares Lernumfeld entstehen. Erst recht nicht, wenn man bei allen administrativen Handlungen immer noch unter Muttis Fuchtel steht.

Mich findet ihr jedenfalls ab jetzt bei den älteren Semestern auf dem Campus mit einer Flasche Schnaps – freudig-johlend trinkend bei jedem Blinkeschuh, jedem Scoutranzen und jeder Schultüte. Und ein gesicherter Sitzplatz im Bus hat ja eigentlich auch was für sich.

In einem Land zu verspäteter Zeit

Grelles Licht weckt mich auf. „Na, sie haben wohl verschlafen!“ – ich weiß nicht, ob ich noch träume oder schon wach bin, als ich aus meinem Bussitz aufschaue und in das Gesicht von Barack Obama blicke. Er sagt:„Nur ein Spaß, ich trag die Maske immer am Ende der Fahrschicht um die Besoffenen rauszukehren. Ein Brüller immer, praktisch, so eine 50Cent-Maske.“ Bevor ich ihn auf seine fehlende, weltgeschichtliche Bildung hinweisen oder ihm Props für sein Gangster-Rap-Streetknowledge geben kann, werde ich höflich aus dem Bus heraus komplimentiert – indem ich bis zum Verlassen mit dem Fahrkartenentwerter ins Ohr gekniffen werde. Als ich die letzte Stufe verpasse und aus dem Bus herausstürze ruft er mir hinter:“Yo Weißbrot, watch deinen Step, nicht jeder hat so krasse Beinarbeit und Dancemoves wie Fiddy!“, woraufhin er einen perfekten Headspin hinlegt.

Ich fühle mich verlassen, gepeinigt und gedemütigt. Selbst ein Busfahrer hat mehr Streetcredibilty als ich. Es bleibt allerdings keine Zeit, sich mit meiner fehlenden Straßenweisheit auseinander zu setzen, gilt es doch erst einmal souverän wie ein Rehkitz, das gerade mit ansehen musste, wie seine Eltern tragisch in einem Industriehechsler verendet sind, bei seinen ersten Schritten die Lage zu begutachten. Ich finde mich in einem alten Hangar wieder, von der Decke hängen karge Neonröhren, wie sie sonst nur verschmitzt in chinesischen Fabriken von oben herab lächeln, und überall stehen kreuz und quer alte Busse. Es ist wie ein Labyrinth, ein Labyrinth aus Altmetall und geplatzten Träumen. Aber ich erwähnte die Busse ja bereits. Ein güldenes Tor scheint in den Irrgarten hinein zu führen. In großen Lettern steht darüber „Keinem das Allen!“ geschrieben. Mit einem kräftigen Stoß drücke ich die Tür auf.

Gerade als ich den ersten Blick in das Labyrinth hineinzuwerfen vermag, galoppiert mir ein riesiges Pferd auf einem winzigen Jockey entgegen. Ich frage das Pferd, was das soll. Dann frage ich mich selbst, warum ich eigentlich als erstes das Pferd und nicht den Jockey frage, allerdings scheint dieser auch mit seiner Aufgabe ein gesamtes Pferd zu transportieren weitestgehend überlastet. Aber vielleicht hat er ja trotzdem etwas zu erzählen und ich werde es so nie erfahren. Und sowieso dauert das Schweigen jetzt schon viel zu lange. Das Pferd gibt seinem Reitjockey eine Karotte. „Da lang.“, sagt das Pferd und zeigt mit seinem Huf nach Links. Ich blicke verwirrt. „Na du willst doch sicher hier raus. Also da geht es lang.“ Ich beginne zu schielen. „Och, immer das selbe mit diesen Neulingen. Erst im Bus einpennen und dann ist dir das sprechende Pferd zu viel. Nun guck nicht als habe dir Jemand in die Sojamilch ejakuliert.“ Ich bedanke mich herzlich und ziehe, nachdem mir das Pferd glaubhaft versichert und auf Tupac den Erlöser schwört, dass es wirklich und 100%ig kein Einhorn sein möchte, in die gezeigte Richtung weiter. Sachen gibts. Entscheide mich dann doch um, lieber die andere Richtung einzuschlagen, schließlich hat sich das Pferd mit dem Widerspruch zum Einhornwunsch einfach unglaubwürdig gemacht. Das ist ja, als ob ich behaupten würde, ich wolle wirklich nicht durchtrainiert und athletisch oder einfach Robert Downey Jr. sein.

Gerade als ich so denke, erblicke ich einen muskulösen, attraktiven, leichtbekleideten jungen Mann. Er springt mir entgegen. „Hallo, ich bin Xilef, dein böses Ich!“ „Hallo.“, sage ich. „Hallo!“, sagt Xilef, verpasst mir einen Roundhousekick, klaut mir mein Portmonee und entflieht Flickflackschlagend in die Nacht. Verdammt, ich wusste ja, dass es irgendwo eine böse Version von mir geben musste, aber hätte sie nicht wenigstens auch diese innere Hässlichkeit nach Außen tragen können? Ich bin ein wenig verliebt in mich, stehe schließlich auf BadBoy-Typen. Als ich so weiter durch das Buslabyrinth irre, fällt mir plötzlich auf, dass ich mich bisher noch viel zu wenig über diese absonderliche Szenerie gewundert habe. Ich bleibe stehen und wundere mich sehr. Dann gehe ich weiter. Ein depressiver Zug blickt mich weinerlich an, als die Frau von der Durchsage verkündet, dass alle seine Menschen wieder eine Verspätung von ca. 10 Minuten haben und in falscher Wagenreihung einfahren werden. Das „Choo Chooo“ seines Triebwagens hallt mir noch einige Meter hinterher, als ich weiter durch die Busgassen schlendere. An einer Kreuzung biege ich nach links ab und sehe mich mit einem Straßenmusikerbattle konfrontiert: drei Chinesen mit drei Kontrabässen haben keinen Grund sich etwas zu erzählen, weil sie mördermäßig abrocken, während die Bremer Stadtmusikanten das machen, was Tiere so machen: Tierlaute, kacken und fressen. Ich fühle mich etwas wie beim letzten Herbstfest der Volksmusik, demnach beschleunige ich panisch meine Schritte.

Die Busfenster, an denen ich vorbeischlendere, sind mit Slogans wie „Kauft nicht bei Deutschen“ oder „Lothar Matthäus, ich liebe dich“ beschriftet. An der nächsten Biegung versucht ein Skinhead einen syrischen Flüchtling davon zu überzeugen, dass er ihn doch bitte noch mehr überfremden solle, er habe noch zu viel von seiner deutschen Identität in sich. Der Syrer lehnt jedoch ab und geht lieber wieder nach Hause. Allmählich beginne ich zu verstehen, es muss eine Art Gegenteilland sein. Was aber wiederum heißen würde, dass ich es nicht verstehe und es kein Gegenteilland ist. Oder wie funktioniert so was? Das ist ähnlich wie bei diesem Zeitreisenparadoxon, wo alles eigentlich schon passiert sein müsste aber eigentlich auch doch nicht, dann stirbt irgendjemand und Torben aus der Grundschule bekommt doch wieder meine große Liebe aus der Klasse 4c ab. Fick dich Torben. Wobei, Gegenteilland, hab dich lieb, Torben. Als ich aus meinen tiefschürfenden Gedanken wieder erwache, stolpere ich geradewegs in einen hell erleuchteten Raum. Teufelschöre grölen ein Musical von Hass, Schnaps und Tod, die Oper endet jedoch, bevor die fette Frau zu singen beginnt. An einem Flügel sitzt der Busfahrer als Beethoven verkleidet und spielt die ersten drei Töne von Beethovens fünfter – da da da. Dann hört er auf, dreht sich zu mir und schmeißt mir seinen Schuh an den Kopf. Das warme Licht umfängt mich wie eine Mutter, nur anders. Mir wird schwarz vor Augen. Grelles Licht weckt mich auf. „Na, sie haben wohl verschlafen!“ – ich weiß nicht, ob ich noch träume oder schon wach bin, als ich aus meinem Bussitz aufschaue und in das Gesicht von Barack Obama blicke. Scheiße, nicht schon wieder.