Früchte des Zorns

Eine eigenartige Stille liegt über dem Gemüsefach, die Luft ist elektrisch aufgeladen. Von einem sanften Windhauch getragen tänzelt ein Heuballen verspielt durch die Supermarktregale. Während die Avocado mordlüstern mit Schaum vor dem Mund aus der Plastikkiste starrt, stimmt eine Paprikaschote leise das Lied vom Tod an. Mensch und Grünzeug stehen sich im finalen High Noon gegenüber.

Obst und Gemüse galt lange als sichere Bank. Ernährungsexperten im In- und Ausland waren sich sicher: Was schon nicht gut schmeckte, musste wenigstens gesund sein. Doch zuletzt zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Längst ist bekannt, dass jährlich mehr Menschen durch herabstürzende Kokosnüsse umkommen als durch Haiangriffe. Verschluckte Kirschkerne gelten ebenso als Bedrohung wie die Avocado, die aufgrund ihrer Haptik beim Schneideversuch tiefe Wunden in Händen verursacht und so eine ganze Generation von Biomarkteinkäufern daran hindert, auf der nächsten WG-Party in der Küche „Wonderwall“ auf der Gitarre zu spielen. An Zufall glaubt niemand – kein Zweifel, die Gemüsetheke trachtet uns nach dem Leben.

Prof. Dr. Sue Kini führt den Lehrstuhl für Ernährungswissenschaften und Allgemeine Verunsicherung an der ALDI Süd Universität. Wir treffen sie für eine genaue Analyse der Gefahrenlage direkt vor Ort: Mitten in der Gemüse- und Obsttheke. „Sehen sie, das meine ich, niemand ist hier sicher“, kommentiert die Expertin zur Begrüßung einen Kunden, der ungelenk auf einer Bananenschale ausrutscht und auf Nimmerwiedersehen in einer Tiefkühltruhe verschwindet.

Sie mahnt dazu, möglichst ruhig zu sprechen, der Feind höre schließlich mit. „Allergien, Avocado-Hand und weitere Verletzungen, das kann ja alles kein Zufall mehr sein“, flüstert die Professorin. Ihre düstere Vermutung: Das Gemüse hat nach der jahrelangen Kultivierung die Schnauze gestrichen voll von uns Menschen.

„Einhundert Prozent aller Menschen, die Gemüse und Obst essen, sterben irgendwann. Da muss man ja kein Mathemagier sein um eins und eins zusammenzählen zu können“, so Kini. In einem Sammelband hat sie schlimme Verletzungen durch Grünzeug aller Art zusammengefasst. „Hier, dieser arme Mann ist sehr ungünstig mit seinem Rektum auf eine Gurke gefallen. Schlimm, so was“, kommentiert sie.

Die Fotos sprechen eine deutliche Sprache: Gebrochene Knochen, Anaphylaktischer Schock und tiefe Schnittwunden zeichnen ein Bild des Schreckens. Die Professorin möchte dagegen vorgehen: „Ich fordere Fotos von den Gefahren auf allen Obst- und Gemüseartikeln. Was bei den Rauchern schon nicht klappt, wird hier bestimmt wahre Wunder bewirken.“

In Sachen Prävention und Aufklärung erhofft sie sich, dass mehr Menschen wieder auf ihren kindlichen Instinkt hören. „Die Kinder sind schlau, die wissen, dass Brokkoli und Zucchini nicht vertrauenswürdig sind. Zu viele eigenartige Konsonanten hintereinander im Namen“, sagt Kini. Speziell ausgebildete Ernährungswissenschaftler sollen deshalb an Schulen unter dem Titel „An apple a day and you pass away!“ für eine Neubelegung des Pausenbrotes kämpfen.

In langjährigen Studien hat die Expertin eine neue Ernährungspyramide entworfen, die den Zorn der Früchte besänftigen soll. „Das breite Fundament besteht nun aus Butter und Fleisch. Nur in äußersten Notfällen sollte Gemüse oder Obst zur Verfeinerung der Speisen verwendet werden“, so die 53-jährige. Von dieser neuen Pyramide erhofft sich Kini eine sicherere Ernährung und einen positiven Einfluss auf die durchschnittliche Lebenserwartung.

Doch auch vor drastischeren Guerilla-Maßnahmen schreckt die Aktivistin nicht zurück: Sie versteckt sich im Gemüsefach, springt plötzlich daraus hervor und übergießt kaufbereite Kunden mit einem Eimer pürierter Waldbeeren. Dabei schreit sie: „Obstessen ist Selbstmord!“ und „Ich esse mein Gemüse nicht, nein, mein Gemüse esse ich nicht!“

Dass ihr dieses radikale Verhalten ein weiteres Hausverbot – ihr mittlerweile zweihundertsiebtes – beschert, lässt sie kalt. „Jedes Hausverbot hält mich weiter von der Gefahr entfernt“, sagt sie, während sie genüsslich an einem Stück Rindfleisch aus Massentierhaltung leckt.

Sollen sich die Menschen nun vor einem Aufstand im Lebensmittelregal fürchten? „In den meisten Discounter-Filialen ist gerade das Obst meist zu faul dafür. Ansonsten müssen wir diese Revolution natürlich im Keim ersticken – wir gießen einfach Beton über alle Anbauflächen!“ Was der Otto-Normal-Verbraucher tun kann: „Obst und Gemüse, den ganzen Schmarn halt, einfach links liegen lassen. Stattdessen ordentlich Tiefkühlpizza einpacken, dann läuft das schon.“

Tore der Enttäuschung

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Adventskalender. Er war aus grünem Stoff in Form eines Tannenbaums, mit weißen Taschen von der Spitze bis zum Stamm, fein säuberlich mit bunten Zahlen durchnummeriert. Mein Opa hat ihn immer für mich und meine Geschwister befüllt, bevor ihm das Alzheimer die Erinnerung an uns verklärte und ihn dazu brachte, meine Mutter bei weiteren Besuchen Bernd zu nennen. Aber gut, er trank auch warmes Bier und schüttete Feigling in seinen Obstsalat.

Jedenfalls wartete in jeder Tasche eine in Alufolie eingewickelte Süßigkeit. Die Treffsicherheit meines Opas variierte dabei in Sachen Kindergeschmack zwischen köstlichen Schokoriegeln und alten Nachkriegs-Kamellen, mit denen man bei Bedarf auch Glas hätte schneiden können. Ich bin mir ziemlich sicher, einige meiner Milchzähne durch die lebensgefährlichen Karamellbonbons eingebüßt zu haben, aber so hatte mein Zahnarzt wenigstens auch was davon.

Ein besonderes Highlight bot der Nikolaustag, denn dann steckte verlässlich Jahr für Jahr ein Fünf-Mark-Stück in der Stofftasche. Fünf Mark! Das war ein halbes Vermögen! Mit dem wertvollen Groschen in der Tasche lief ich durch die Supermarktregale, als würde mir der Laden gehören. Mit Fünf Mark bekam man im Prinzip alles, was ein Grundschüler in den Neunzigern brauchte: Zucker, Zucker, Zucker. Als Getränk, als Essen, Hauptsache knallsüß.

Von Mensch zu Mensch sind die Schwerpunkte in Sachen Adventskalender natürlich unterschiedlich gesetzt. In Milliardärskreisen soll es beispielsweise gang und gäbe sein, dem wohlbetüddelten Nachwuchs einfach ein Anwesen mit 24 Zimmern zu organisieren. Da kommt der gutbürgerliche Manager-Millionär schon mal der eigenen Brut gegenüber vor Erklärungsnot ins Schwitzen.

Es gibt mittlerweile die buntesten Kalendereinfälle: Lokale Metzger verbreiten beispielsweise unter dem Motto „Admettszeit“ die Variante für Fleischliebhaber. Ein mittelständiger Spielzeughersteller bietet den 24-türigen Baukasten „Mein erster Atomsprengkopf“ für angehende Despoten an. Sogar der „Mein eigenes Pony“-Kalender, bei dem junge Mädchen mit 24 Teilen ihr lebendiges Pony mit Haut, Knochen, Organen und allem Pipapo zusammenspaxen, hätte beinahe eine Zulassung erhalten. Er scheiterte lediglich an verschluckbaren Kleinteilen.

Bei mir gab es all das nicht. Ich war schon froh, wenn mein Opa nach Fortschreiten seiner Krankheit nicht irgendwelche Absonderlichkeiten in die Taschen packte. Anfangs waren es noch Harmlosigkeiten wie Ketchup-Päckchen von der Imbissbude oder eine Dose Kaffeesahne. Als ich jedoch einmal an Heiligabend seine Dritten aus der Alufolie wickelte, waren Adventskalender für mich endgültig gestorben.

Seitdem erspare ich mir den unsäglichen Cowntdown auf den vermeintlich tollsten Tag im Jahr – der für die schreibende Zunft übrigens sowieso nicht Heiligabend, sondern ein jeder Zahltag ist. Für mich tut es inzwischen auch einfach eine gute Kiste Bier. Vielleicht finde ich dieses Jahr sogar die Muße, um die passenden Zahlen drauf zu kleben.